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nachholen. Sehr viel Sorge und Mühe hatte ich während der letzten beiden Wochen um den kleinen Kronprinzen von Sebe. Er ist jetzt 7 Monate alt und war dank einer sehr sorgfältigen Abwartnng und Ueberwachung bisher immer gesund geblieben. Am 14. packte ihn plötzlich eine äußerst heftige Malaria. Der arme Wicht war fünf Tage lang bei sehr hoher Fiebertemperatur, die einmal sogar 41 o erreichte, fast unausgesetzt bewußtlos. Dazu bestanden ernste Lungen- (Katarrhal- pneumonie) und Gehirnerscheinungen, die stündlich und noch öfter sich wiederholende Konvulsionen herbeiführten, sodaß ich oft im stillen fast die Hoffnung aufgab. Chiniu, das ihm schlecht beizubringen war, wirkte mangelhaft, sodaß wir den Hochstand der Körpertemperatur nur mit kalten Bädern niederdrücken konnten. Zwei Nächte hindurch blieb ich ohne Unterbrechung in Sebe, um den kleinen Patienten nicht aus dem Auge zu lassen und mich mit den schwer bekümmerten Eltern in die Wachen zu teilen; auch an den übrigen Krankheitstagen war natürlich eine mehrmalige Fahrt zu ihm nötig. Geradezu rührend benahm sich während der ganzen Krankheit ein kleiner neunjähriger Negerjunge Esu, der schon seit mehreren Jahrer bei Sch's. in Diensten ist und in Ermangelung eines Kindermädchens zur Beaufsichtigung des Kleinen Verwendung fand. Unausgesetzt war er um seinen Pflegebefohlenen bemüht, jede Fliege wehrte er sorgsam von ihm ab, und wenn er von der Veranda des Hauses aus das Kommen meines Bootes erspäht hatte, dann eilte er zum Lagunenstrande und erwartete mich, und aus seinem mehr oder weniger betrübten Gesicht konnte ich schon von ferne lesen, wie es dem Kranken während meiner Abwesenheit ergangen war. Auf dem kurzen Wege vom Ufer bis zum Hause erzählte er dann rasch alle beobachteten Einzelheiten: wie lange der Kleine geschlafen habe, wieviel Krampfanfälle er gehabt, wie oft und wieviel Nahrung er zu sich genommen hatte, kurz: alles hatte er genau im Gedächtnis. Am 22., zufällig dem Geburtstage seiner Mutter, hatte er den ersten fieberfreien Tag, und gleichzeitig war sein erstes Zähnchen zum Durchbruch gekommen. Vorläufig ist er zwar immer noch sehr matt, aber ich halte ihn außer Lebensgefahr. In vierzehn Tagen wird er hoffentlich so weit sein, daß er mit seiner Mutter nach Deutschland reisen kann.
Im Krankenhause war auch erhöhte Arbeit zu bewältigen, weil seit Anfang Juni Schwester G. nach vollendeter Dienstzeit in die Heimat abgereist war, und nur Schwester Fr. als einzige Hilfe verblieb. Sie hat während des ganzen hinter uns liegenden schweren Halbjahres in wirklich aufopfernder Weise, dabei immer gleichmäßig zuverlässig und mit ruhiger Selbstverständlichkeit, ihre für die Tropen doppelt anstrengenden Pflichten erfüllt.
Bis gestern war ein Legationsrat G. des Auswärtigen Amtes zu kurzem Besuche hier. Er war längere Zeit in Ostafrika und Südwest vertretungsweise tätig gewesen und wollte sich nun auf der Heimreise auch noch über Togo und Kamerun orientieren. Für uns ist es natürlich immer sehr erwünscht, wenn ein Vertreter der Kolonialabteilung Gelegenheit nimmt, sich persönlich einmal über die Verhältnisse unserer Kolonien zu unterrichten, denn alle amtlichen Berichte und Schilderungen werden niemals das ersetzen, was nur eigene Anschauung vermitteln kann.-
An Bord, den 6. Juli 1905.
Das Krankenhaus lag im friedlichen Mittagsschlafe, als heute vom Kapitän des auf der Rede liegenden Adolph Woermann die Nachricht kam, daß er mit der Uebernahme seiner Ladung bereits einen Tag eher als angenommen fertig geworden sei, und daß er in einer Stunde abzudampfen beabsichtige. So konnte ich nicht einmal den Europäern, mit denen ich bisher Freude und Leid geteilt