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Ostern 1905.
Am 10. April erkrankte die in der hiesigen Schwesternniederlassuug zu Besuch weilende Oberin der französischen Missionsstation Agouö, eines zwischen Kleinpopo und Grandpopo gelegenen Ortes, ebenfalls an Gelbfieber, und erlag ihm nach wenigen Tagen. Zu ihrer Pflege eilte eine jüngere Schwester herbei; auch sie wurde von der gleichen Krankheit befallen. Nach schweren Leiden, die sie 7 Tage lang mit bewunderungswürdiger Ergebenheit trug, starb sie am 19. April, am Aschermittwoch.
So mußte unser Ort Anecho von neuem für verseucht gelten. Ich reiste am Gründonnerstag in einem von mir erbetenen und sofort zur Verfügung gestellten Extrazug nach Lome. Es war meine erste Eisenbahnfahrt in Afrika, zu der ich mir freilich einen freudigeren Anlaß gewünscht hätte. In Lome fand eine Beratung mit Dr. Kr-, mit dem stellvertretenden Gouverneur und dem Bezirksamtmann von Lome statt. Wir mußten uns entschließen, die unlängst aufgehobenen Qnarantaine- maßregeln wieder in Kraft treten zu lassen, und jetzt auch vor allem gegen Dahomey Land- und Seequarantaine zu verhängen.
Am Karfreitag stand ein Eisenbahnzug für uns und ein Aufgebot schwarzer Polizeisoldaten für die Absperrung in Lome bereit, der letzte, der vorläufig zwischen den beiden Küstenplätzen verkehren wird. Eine ganze Anzahl Eingeborener, die diese letzte Gelegenheit nach Anecho zu kommen, noch benutzen wollten, füllten die offenen Arbeitswagen des Zuges; Personenwagen sind noch nicht im Betriebe. In Porte-Seguro wurde das bei der früheren Quarantäne errichtete Haus wieder instand gesetzt, und die Absperrung des Verkehrs von neuem vorgenommen. Es war eine eigenartige Karfreitagsfahrt. Den Schwarzen war natürlich ihr ernster Grund nicht ersichtlich, und lustig schmetterte der Hornist des Absperrungskommandos seine Stückchen in den sonnigen Morgen. Für die Schwarzen war es das erste Mal in ihrem Leben, daß sie auf einer Eisenbahn fuhren. „Aimahu" ist sie von ihnen ganz bezeichnend getauft worden. „Anna" das Land, „ehu" das Kanu, also „Landkanu". Wie übermütige Kinder freuten sich Männlein und Weiblein über ihre erste Bahnfahrt. Als wir am Dorfe Bagida vorbeifuhren, hielt es ein Neger, der dort beheimatet war, für richtig, die Weiterfahrt durch Abspringen von dem in voller Fahrt befindlichen Zuge zu unterbrechen. Er fiel platt auf den Leib; zum Glück war es eine sandige Stelle, an der er den kühnen Sprung wagte, und wir sahen noch vom Zuge aus, daß er sich mühsam wieder aufrappeln konnte.
Nach Anecho zurückgekehrt, galt es im Verein mit Oberleutnant Sch. die Grenzsperre nach Dahomey durchzuführen. Eine halbe Stunde von Sebe entfernt haben wir beim Dorfe Hilakofi einen geeigneten Platz ausgesucht, wo ein Quarantaine- haus mit einem moskitosichern Raume für Europäer errichtet wird. Schwarze Polizeisoldaten überwachen auch hier die Absperrung.
Anecho, den 15. Mai 1905.
Meine liebe Frau!
Mit dieser Post über den Stand der Gelbfieberseuche einige Zeilen, die Dich hoffentlich für den Fall, daß Du auf übertriebene Nachrichten in den Zeitungen stoßen solltest, beruhigen werden. Unter den Bewohnern Anechos selbst ist seit zwei Monaten keine neue Erkrankung wieder vorgekommen! Ich hoffe deshalb bestimmt, daß die Gefahr für unsern Ort beseitigt ist. Leider haust der unheimliche Gast noch im benachbarten Dahomey in den beiden Orten Agoue und Grandpopo.*)
*) In Grandpopo entschloß man sich schließlich dazu, alle Europäer aus dem Orte zu entfernen, und auf einige Wochen in einem benachbarten Dorfe unter ärztlicher Aufsicht zu isolieren. Nach der Rückkehr kamen auch wirklich keine neuen Gelbfieberfälle mehr in Grandpopo vor.