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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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und S. zuletzt wohl im wahren Sinne des Wortes den festen Boden unter den Füßen verloren: sie standen schließlich unvermerkt, lebhaft disputierend im Lagunenwasser.

Anecho, den 2. Januar 1905.

Kleinpopo wird mit dem neuen Jahre verschwinden, nachdem es 20 Jahre sein Dasein gefristet hat. Von jetzt ab ist es offiziell Anecho getauft worden. Wer die Anregung zu dieser Namensänderung gegeben hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Hoffentlich wird der Betreffende dafür Ehrenmitglied eines Sprach- reinigungsvereines und bekommt eine Gedenktafel am Bezirksamt von Anecho. Poststempel, Steuermarken und sonstige amtliche Aufdrucke mit dem bisherigen ominösen Namen sind von der Bildfläche verschwunden, und wir haben nun das salonfähige Wort Anecho für unsern Ort, neben dem wenige Stunden benach­barten Grandpopo, das in alter Schönheit von den Franzosen natürlich bei­behalten wird.

Die Eingeborenen sprechen das Wort eher Aneho als Anecho aus. Wenn ich über die Ethymologie richtig orientiert bin, so heißteho" der Ort, und Anä" ist der Name eines jetzt auf dem englischen Goldküstengebiet liegenden Platzes, von dem aus vorzeiten durch Auswanderung der Grund zum heutigen Kleinpopo und seiner Umgebung gelegt worden sein soll. Als nächstes Angriffs­objekt für eine Namensumwandlung in Togo würde sich Misahöhe empfehlen, denn der Name dieser Station ist nicht, wie es dem Klänge nach scheinen könnte, der Eingeborenensprache entlehnt, sondern liorridils äietu nach einer Dame, Misa E., die dem damaligen Gouverneur des Landes v. Puttkammer nahe stand, gewählt worden.

Anecho, den 10. Januar 1905.

Meine liebe Frau!

Fast einen Monat lang bin ich nun wieder an der Küste, habe mein altes, mir liebgewordenes Krankenhaus wieder, und meine berufliche Tätigkeit könnte ebenso befriedigend sein wie ehemals, ich könnte angefangenes vollenden, neues hinzufügen; aber ich bin zu einem andern Entschlüsse gekommen. Urteile selbst, was Du an meiner Stelle tun würdest: Du hast eine Ueberzeugung gewonnen, eine feste, vielleicht sogar richtige Ueberzeugung. Du bist gezwungen, diese zu äußern, mündlich und schriftlich und ziehst Dir dadurch die Abneigung derer zu, die eine gegenteilige Ansicht haben, und nicht nur Abneigung, sondern teil­weise sogar bittere Feindschaft, denn die Menschen verzeihen viel eher, daß man sie belügt, als daß man die Wahrheit sagt. Du wirst angegriffen deshalb, schwer angegriffen, darfst aber die Angriffe nicht abwehren, sondern bekommst wie ein Schulbube, der brav und artig sein soll. Deine Ansichten dekretiert und im übrigen sehr deutlich zu verstehen: entweder M . . . halten, oder .... Was sollte ich wählen? Nun, ich habe den letzteren Weg gewühlt und den festen Entschluß gefaßt, nicht länger hier zu bleiben. Die einliegenden Abschriften, die nur für Dich bestimmt sind, können Dir den näheren Zusammenhang be­leuchten. Ich hoffte, mährend meiner Abwesenheit im Hinterlands würde das alte, mißtönige Lied vielleicht verstummt sein, aber es wird hier an der Küste noch genau so gesungen wie vor einem Jahre, und ein Ende des Tanzes ist

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