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die Kinder das schulpflichtige Alter, so werden sie zu regelmäßigem Schulbesuche und sonstiger geregelter Beschäftigung angehalten, wobei ja eventuelle Wünsche des Vaters berücksichtigt werden können. Der männliche Teil kann später zur Erlernung eines Handwerkes veranlaßt werden oder tritt in Dolmetscher- und Kanzlistendienste der Regierung. Dies natürlich nur in den gröbsten Umrissen der Plan für eine Mulattenversorgung.
Kleinpopo, den 7. Dezember 1904.
Am gestrigen Nachmittage kam ich glücklich wieder an der Küste an. Leider war vr. K. gesundheitlich durch eine schon seit Monaten bestehende Dysenterie stark mitgenommen. Hoffentlich wird er in der Heimat volle Genesung finden. Er und vr. Sch. werden in einigen Tagen nach Deutschland abreisen, um leider wahrscheinlich nicht wieder in die Kolonie zurückzukehren, und ich habe dann mein Krankenhaus wieder. Viel hat sich während meiner Abwesenheit von der Küste hier nicht geändert, einige alte Gesichter sind verschwunden, einige neue dafür aufgetaucht; im Bezirksamt Gebe war ein kleiner Kronprinz zur Welt gekommen. Der Bau der beiden Bahnen von Lome nach Kleinpopo und von Lome nach Palime wird mit Hochdruck gefördert. In einigen Monaten wird erstere schon dem Verkehr übergeben werden können.
Der südwestafrikanische Aufstand hat inzwischen einen friedlichen Ausläufer nach Togo ausgestreckt. 120 kriegsgefangene Witboys sind hier eingetroffen und werden augenblicklich bei der Aufschüttung eines Dammes durch den Schihosumpf hinter Lome beschäftigt. Ich weiß nicht, ob ein Arzt bei dieser ganzen Angelegenheit dienstlich um seine Ansicht befragt wurde; ich kann es kaum glauben. Persönlich halte ich die Verschickung von Südwestafrikanern hierher für ein äußerst gewagtes Experiment, das mit großer Wahrscheinlichkeit mißglücken wird. Ich fürchte zwar nicht, daß die Kriegsgefangenen unsere Leute hier jemals aufreizen können, aber gesundheitlich sind sie den größten Gefahren ausgesetzt. Sie kommen aus einem trocknen, heißen Klima mit kühlen Nächten in ein dauernd feuchtes, schwüles Küstenklima. Sie kommen aus einem malariafreien Lande in ein notorisches Fieberland; sie sind ausgesprochene Fleischesser und an die hiesige vorwiegend vegetabilische Lebensweise nicht gewöhnt. Krankheiten müssen unter ihnen geradezu ausbrechen. Schon bei Trans- lokationen von Eingeborenen auf weit geringere Entfernung, z. B. bei Togonegern, die von der Küste zum Hinterland ziehen, und umgekehrt zeigt sich immer wieder, wie wenig widerstandsfähig gerade die Naturvölker gegenüber dem Wechsel ihrer Lebensbedingungen sind.
Die Nachricht, daß nun auch Hendrik Witboy mit seinen Scharen von Deutschland abgefallen sei, traf uns erst hier. Sie wird sicher allen überraschend gekommen sein und ist wieder ein Zeichen dafür, was man von Negertreue halten kann. Ich bin neugierig darauf, wie nun alle die klugen Leute daheim dieses neueste Ereignis beurteilen und welche vortrefflichen Ratschläge sie wieder fabrizieren werden. Der ganze südwestafrikanische Ausstand wird eine harte aber hoffentlich gute Lehre für uns werden. Ich kann mir als Laie weder in der Kolonial- politik noch in der Kriegskunst ein Urteil erlauben, aber die homöopathisch dosierte Aussendung der Truppen, der Kommandowechsel, die Verpflegungsschwierigkeiten, die Ausbreitung des Typhus bei den Truppen, der schon jahrelang unter der dortigenBevölkerung herrschte, die Groschensparsamkeit vergangener Jahre, die nun Millionen erfordert, das Uebertragen heimischer Verhältnisse auf afrikanischen Boden, alles das sind Dinge, aus die wir nicht mit Stolz blicken können. Ob es wohl gelingen wird, Hendrick zu fassen? Und wann?