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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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gründen. Da die ideale Isolierung der Aussätzigen auf einer Insel in Togo leider nicht möglich ist, werden wir sie in einer eigenen Niederlassung, entfernt von anderen menschlichen Wohnstätten und unter strenger Bewachung ansiedeln müssen. Ob wirklich alle die Kranken, die mir von den Eingeborenen selbst als Lepröse bezeichnet wurden, an Aussatz leiden, oder ob es sich nicht bei einem Teil derselben um harmlosere Affektionen handelt, kann erst durch eine genaue Untersuchung von Fall zu Fall entschieden werden. Die vorgeschrittenen Fälle sind leicht zu erkennen, die beginnenden schwer. Ist doch ihr erstes Auftreten oft durch nichts anderes charakterisiert als durch einige scheinbar harmlose Bläschen, die nach ihrer Abheilung zunächst nichts als eine rotbraune, fleckige Narbe zurücklassen. Von einer größeren Anzahl, namentlich der letzteren, habe ich mir mikroskopische Präparate angefertigt, um sie später an der Küste weiter zu untersuchen. Absolut zuverlässig ist das Urteil des Schwarzen über Lepra nicht, denn ich habe schon an der Küste erlebt, daß eine ganze Familie aus einem Lagunendorfe mir als angeblich aussätzig gebracht wurde, während es sich bei näherem Zusehen um Tertiärsyphilis handelte, die sich einer spezifischen Therapie sehr zugänglich erwies, sodaß die vermeintlichen Leprakranken bald geheilt in ihre Heimat zurückkehren konnten. Die verschiedenen Formen des Aussatzes kommen nebeneinander unter den hiesigen Eingeborenen vor, aber überwiegend ist die langsamere und harmloser verlaufende Art wenn man überhaupt bei einer solchen schweren unheilbaren Krankheit von Harmlosigkeit reden darf, die der Uspra auaestllstioa, bei der die Kranken viele Jahre hindurch ein leidliches Dasein führen können, ehe das trostlose Endstadium eintritt.

Blita, den 2. Oktober 1904.

In den letzten Tagen ging es heiß her. Die Strecken, die ich programmäßig bis zu dem an der Ostgrenze gelegenen Kamina abznradeln hatte, waren lang, und die unterwegs durchzuimpfenden Dörfer groß. Ich nahm den Weg von Atakpame zunächst nordwärts über Annä und Njamassilä und zweigte dann nordöstlich nach Pessi, das am Mono liegt, ab. Schon dicht hinter Atakpame beginnt die Land­schaft ihren Charakter wieder zu ändern, an Stelle der waldreichen Gebirgslandschaft breitet sich eine nur von leichten Terrainwellen durchzogene Ebene mit Steppen- charakter nordwärts aus. Jedes der genannten Dörfer hat mehrere hundert Hütten; große, wohlgepflegte Farmen sind in ihrem Umkreise angelegt, die nur in der Nähe der Wasserläufe von dichteren Waldbeständen unterbrochen werden. Von Kamina ging ich nordwestlich zurück nach Sikita und erreichte von dort nach einer recht anstrengenden Radtour gestern Nachmittag Akbande an der Hauptstraße von Atakpame nach Sokode. Die Wege von Dorf zu Dorf waren überall auf die Kunde vom Kommen eines Europäers hin frisch gereinigt, die Dorfplätze und die Rasthäuser sorgfältig gesäubert (im Küstenbezirke denkt die Bevölkerung gar nicht daran, einen durchreisenden Europäer zu liebe diese Arbeit unaufgefordert zu leisten), und in allen Ortschaften wurde ich von Hunderten impflustiger Eingeborenen erwartet, lärmend empfangen und ebenso lärmend verabschiedet. Gerade die Land­schaft Pessi .soll nach den Erzählungen der Leute vor nicht zu langer Zeit große Verluste durch Pocken gehabt haben und früher noch viel dichter bevölkert gewesen sein als jetzt. Die Dankbarkeit der Schwarzen scheint an Unmittelbarkeit und Urwüchsigkeit mit zunehmender Entfernung von der Küste zu wachsen. In: Weißen sehen sie noch ein ihnen überlegenes höheres Wesen, während im Küstengebiete der Europäer durch eigene Schuld viel von diesem Nimbus eingebüßt hat.

Im Rasthause von Akbande traf ich außer 200 auf mich wartenden Impflingen zu meiner großen Freude vr. Sch. an, der unserer Verabredung gemäß seit dem Vormittage mich dort erwartete. Am Abend fühlte ich mich zürn ersten Male seit