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Tropen doppelt hohen Wert besitzt. Ich wollte, ich könnte auch wie er aus allen Disteln Honig saugen. Da er in einigen Tagen auf Urlaub geht, ist er mit R. zusammen allabendlich eifrig bemüht, die letzten Reste seiner Weinvorräte zu vertilgen. Als Vorwand für eine neue Flasche hält jede neue Siegesnachricht der Japaner her. Durch Reutertelegramme, die nach der Togoküste kommen und von dort aus uns zugeschickt werden, sind wir leidlich über die Vorgänge auf dem Ostasiatischen Kriegsschauplatz unterrichtet, ebenso wie über den Gang der südwestafrikanischen Ereignisse, v. D. hat als alter Stratege die ausgeschnittenen Namen der russischen und japanischen Kriegsschiffe auf einer Situationskarte der jeweiligen Kriegslage entsprechend gruppiert, und jedes gesunkene oder außer Gefecht gesetzte Fahrzeug wird gewissenhaft auch hier eliminiert. Freilich kommt es dabei manchmal vor, daß ein russisches Kriegsschiff, das nach einem Reutertelegramme bereits auf dem Meeresgrunde liegen müßte, plötzlich nach acht Tagen nach einmal vernichtet wird. Natürlich werden auch die Landoperationen Kurokis gegen Kuropatkin (v. D. hat letzteren „Kuroki packt ihn" getauft) eifrig verfolgt.
Atakpame, den 5. September 1904.
Gestern Morgen brach v. D. zur Küste auf. R. und ich gaben ihm bis Gley das Geleit. Ich hatte die Gelegenheit wahrgenommen, für Amutschu, einem größeren Dorfe am gleichnamigen Flusse, und die umliegenden Ortschaften Jmpftage anzusetzen.
Gegen 7 Uhr früh zogen wir den Berg der Station hinab, durchs Dorf Atakpame, v. D. und R. zu Pferde, ich mit dem Rade. Vorweg ein Trupp schwarzer Soldaten mit einem Hornisten an der Spitze, hinter uns von sechs Schwarzen geschoben und gezogen ein großer zweiräderiger Lastkarren mit unserem Gepäck. Hunderte von Eingeborenen strömten aus allen Gassen herbei und wünschten dem scheidenden Hauptmann glückliche Reise und baldige Rückkehr. Wohl über eine halbe Stunde weit folgten sie unter dauernden Zurufen. In Amutschu, zwanzig Kilometer von Atakpame entfernt, war Rast angesetzt. Der Ort lag für uns jenseits des Flusses. Bei unserem Kommen hatte sich die Schar der Impflinge bereits zu beiden Seiten der Straße aufgestellt und trommelte und schrie ihr Willkommen. Es waren über tausend Mann. Leider ging der Uebergang über den Fluß nicht ohne ein kleines Malheur für uns ab. Da eine massive Brücke über ihn erst im Bau ist, muß man ihn an einer Furt überschreiten. Seine User fallen steil ab. Die Schwarzen, die den Wagen zogen, hatten vergessen, rechtzeitig zu bremsen, sodaß er ihnen durchging, die Böschung herabsauste, sich überschlug, die Deichsel zerbrach und Kisten und Koffer im bunten Durcheinander ins Wasser rollten. Das stolze Gefährt selbst lag schließlich bis auf den Deichselbruch unversehrt, die Räder zum Himmel streckend, im Fluß. Auf seiner Unterseite hatte eine fürsorgliche Hand versteckt ein gewisses Geschirr befestigt, das einst ein alter Afrikaner einem nach den notwendigsten Reiserequisiten fragenden Neuling als das unentbehrlichste Afrikas bezeichnete. Dieses hatte alle Evolutionen des Wagens glücklich überstanden und gab jetzt dem umgestülpten Karren seine Krönung. Die Eingeborenen sprangen hilfbereit hinzu und schleppten unsere Gepäckstücke und den Wagen aus dem Fluß zum nahen Marktplatze des Dorfes. Während v. D. und R. eine neue Deichsel anfertigen ließen und fürs Mittagessen sorgten, machte ich mich mit August, Zedu und Njau ans Impfen. Ein Hasenbraten mit Aams tröstete uns über das erlittene Mißgeschick. Bis gegen 5 Uhr hielten uns die Impfungen noch auf, dann vollendeten wir den kurzen Rest des Tagemarsches bis zum Rasthause von Gley.
Heute früh verabschiedete ich mich von v. D. und radelte zur Station zurück. R. reist noch bis zur Grenze des Bezirkes mit ihm.