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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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Wochen auf einer Studienreise im Misahöhebezirk abwesend. Als ich kurz nach Tagesanbruch mich Lome näherte, wehten die Flaggen halbmast, und ich hatte zunächst die Befürchtung, zu spät für den Hilfesuchenden gekommen zu sein. Doch es war ein anderer Europäer, dem man das letzte Ehrenzeichen erwies; von seiner Erkrankung hatte ich überhaupt vorher nichts erfahren. Eine ganze Woche lang hatte er an schwerem Schwarzwasserfieber gelegen, ohne ärztliche Behandlung, ohne daß man mich benachrichtigte oder ihn ins Kranken­haus gebracht hätte. Eine Stunde vor meiner Ankunft war er gestorben. Gestern begruben wir ihn. Daheim warten seine Frau und drei unversorgte Kinder vergeblich auf die Heimkehr ihres Ernährers. Hier war sicher nicht alles geschehen, was zu seiner Rettung hätte geschehen können.

Am 12. Oktober 1903.

Früher liefen alle Dampfer der Woermannlinie, die nach Lome kamen, auch unser Kleinpopo an. Seitdem ersterer Ort immer mehr und mehr zur Zentrale des Verkehrs erhoben wurde, unterblieb zunächst das Anlaufen der Postdampfer bei ihrer Ausreise in Kleinpopo. Neuerdings wird nun auch der bisher am 10. jedes Monats hier auf der Heimreise anlaufende Dampfer in Wegfall kommen, das heißt, es wird eine abermalige Verschlechterung des Schiffsverkehrs eintreten. Abgesehen von allen andern Nachteilen, wie z. B. im postalischen Verkehr oder darin, daß von jetzt ab alle Europäer Kleinpopos, die mit diesem Dampfer in die Heimat reisen wollen, sich und ihr Gepäck zuerst mühsam über Land nach Lome befördern lassen müssen, berührt diese neuste Maßnahme mittelbar auch sehr empfindlich die sanitären Verhältnisse der Kolonie. Bisher konnten alle diejenigen Schwerkranken des Hospitales, die zu ihrer Genesung ins heimische Klima zurückkehren mußten, ihre Heimreise hier antreten. Von jetzt ab werden sie eine 10 stündige anstrengende Hängemattentour nach Lome zurückzulegen haben, die in vielen Fällen eine schwere Gefahr in sich birgt, und manchem geschwächten Patienten überhaupt nicht zugemutet werden kann. Ich habe deshalb durch Vermittelung des Auswärtigen Amtes die Rederei gebeten, wenigstens solange, bis die projektierte Küstenbahn fertig gestellt und damit eine bessere Reisegelegenheit für Rekonvaleszenten und Kranke gegeben ist, auch in Zukunft ihre Dampfer den kurzen Aufenthalt von 12 Stunden in Kleinpopo nehmen zu lassen. Sollte sie nicht darauf eingehen können oder wollen, so habe ich gebeten, nur im Bedarfsfälle auf vorher telegraphisch nach Lagos gerichtete Bitte diese kleine Vergünstigung zu gewähren.*)

Im Oktober 1903.

Assessorismus und Militarismus.

Die Kolonialgegner führen diese beiden Schlagworte viel im Munde. Wenn man mit ihnen die Auswüchse des juristischen und militärischen Berufes treffen, wenn man damit sagen will, daß ein unverhältnismäßiges Ueberwuchern dieser beiden Berufsarten über andere den Kolonien zum Nachteil gereichen

*) Leider wurde das Gesuch von der Rederei abschlägig beschiedeu, da sie von ihrem Fahrplan nicht abweichen zu können erklärte. Mehrere Schwerkranke mußten in der Folgezeit tatsächlich, um ein Heimatsschiff zu erreichen, vorn Hospitale aus die erschöpfende Reise nach Lome machen.