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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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dabei weg. Aengstlich muß beim Etat unseres Schutzgebietes darauf Bedacht genommen werden, daß die zu erwartenden Einnahmen die Ausgaben decken. Größere Aufgaben, und seien sie noch so dringlich und begründet, müssen mit Rücksicht darauf unterbleiben. Wenn Togo auch in Zukunft seinen Ehrgeiz darin suchen muß, immer nur soviel aufzuwenden, als es selbst erschwingen kann, so wird es, um nur ein Beispiel herauszugreifen, zehn und zwanzig Jahre dauern, ehe stückweise eine Hinterlandsbahn bis zum Nordende der Kolonie vorrückt, wahrend sonst nichts dagegen spräche, dieselbe in einem Zuge von Lome über Palime, Atakpame nach Sokode durchzukauen. Doch es ist vielleicht andererseits ganz gut, wenn wir wenigstens eine Musterkolonie vor den Augen der Heimat paradieren lassen können, wobei ihre Musterhaftigkeit darin liegt, daß sie wenig Anlaß zu lebhaften Diskussionen gibt, daß friedlich, in gleich­mäßig langsamem Tempo ihre Entwicklung vorwärts schreitet und das Haupt- moment, daß sie keiner pekuniären Opfer bedarf. Die eben berührte Ver­zögerung in seiner Entwicklung wäre nur zu vermeiden, wenn man sich dazu entschlösse, der Kolonie Togo, als erster, eine finanzielle Unabhängigkeit zu gewähren, eine Maßnahme, die seit Jahrzehnten in den englischen Kolonien in mehr oder weniger großem Umfange besteht und sich überall bewährt hat. Wenn es dem Schutzgebiete möglich wäre, anfänglich vielleicht unter Aufsicht oder Genehmigung der heimatlichen Behörde selbst Anleihen aufzunehmen und Nutzen aus seinem eigenen Kredit zu ziehen, würde gerade Togo zu einem rascheren Aufblühen kommen.

Am 5. September 1903.

Deralte Afrikaner".

Der alte Afrikaner repräsentiert eine eigene Spezies des Zsvus llumanuln. Trotz mancher Spielarten ist er doch durch eine ganze Reihe gemeinsamer charakteristischer Merkmale seines Wesens von seinen Mitmenschen unterschieden. Er gedeiht, wie der Name sagt, nur auf tropischem Boden und im warmen Klima Afrikas. Gewisse Anklänge an seine Art findet man zwar auch daheim unter den als Spießbürgern und Kannegießern gewöhnlich bezeichneten Gewächsen, aber doch decken ihre Eigenschaften auch unter Berücksichtigung der örtlichen, verschiedenen Wachstumsbedingungen sich nicht. Solch ein alter Afrikaner ist ein ganz sonderbarer Mensch. Alt an Jahren braucht er keineswegs zu sein, im Gegenteil, denn alte Leute findet man in Afrika überhaupt wenig. Alt ist nur relativ zu verstehen, undalter Afrikaner" ist er nur deshalb, weil er eine Reihe von Jahren, jedenfalls aber länger als wie die zum ersten Male neu Herauskommenden im Lande weilt. Mit gewissem Stolze, und nicht immer ohne einen kleinen Beigeschmack von Verächtlichkeit blickt er auf die jüngere Generation herab. Er ist das reaktionäre Element der Kolonie. Jede Neuerung, jeden geplanten Fortschritt nimmt er zunächst einmal unter die stark lichtbrechende Lupe seiner Kritik. Aber bei diesen kritischen Betrachtungen findet er prinzipiell immer nur das, was gegen die beabsichtigte Neuerung spricht, während er ihre Vorteile hartnäckig aus seinem Gesichtsfelde ausschaltet. Er weiß nicht nur alles, dieser alte Afrikaner, er weiß alles viel besser. Ist eine Eisenbahn projektiert, so sieht er die drohenden Unglücksfälle unter den schwarzen Neger­kindern durch Ueberfahren voraus; ist eine Erhöhung der Spritzölle geplant, so prophezeit er den Ruin einer ganzen Anzahl von Firmen; hebt sich der Export von Mais, so plant er allen Ernstes ein Ausfuhrverbot dieses Produktes, um einer Hungersnot unter den Eingeborenen vorzubeugen rc.