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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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sei es durch einen vom unfreiwillig langen, kalten Bade provozierten Malaria­anfall. Aber schon am nächsten Morgen hatte er sich wieder vollkommen erholt. Natürlich war der Dampfer inzwischen ohne die beiden Verunglückten abgefahren, sodaß sie erst nach vierzehn Tagen ihren Versuch in die Heimat zu gelangen, erneuern können.*)

Am 28. Mai ging der aus Deutschland fällige Dampfer vor Anker und landete außer dem Zolldirektor der Kolonie H.**) zwei Aerzte: Dr. H., den Nach­folger K/s und vr. Sch., der nach abgelaufenem Urlaube ins Schutzgebiet zurück­gekehrt ist, um von neuem seine Arbeiten zur Bekämpfung der L>nrrahkrankheit der Rinder aufzunehmen. So waren ausnahmsweise vier Aerzte gleichzeitig in Lome versammelt.

Vorgestern reiste ich wieder nach Kleinpopo zurück.

Am 2. Juli 1903.

Besuch des Kriegsschiffes in Kleinpopo.

Der Habicht,das" Kriegsschiff unserer deutsch-Westafrikanischen Küste müssen wir sagen; denn nur dies eine kreuzt in den Gewässern der drei Schutz­gebiete, die an Größe das Mutterland um mehr als das Doppelte übertreffen, und dieses eine gehört zu unseren ältesten und steht anf der Grenze der Tropen­dienstfähigkeit. Ostafrika, selbst Samoa, ganz zu geschweige von Kiautschou, sind weniger kärglich von der Flottenleitnng bedacht worden.

Die Geschichte unserer Kolonien ist eng mit der Geschichte unserer Kriegs­marine verknüpft, und namentlich in Westafrika hat letztere mehrfach Gelegenheit zu ernstem Eingreifen gehabt. Soweit die Togoküste in Betracht kommt, erschien als erstes Schiff auf der Rede von Kleinpopo, wo seit 1880 deutsche Handels­niederlassungen erstanden waren, Anfang 1884 die Sophie (Kapitän Stuben- rauch), um den Verträgen der Firmen mit den Eingeborenen Nachdruck und Bestätigung zu verschaffen, da durch freundnachbarliche englische Einflüsse die Schwarzen anfingen, den Deutschen Schwierigkeiten zu bereiten. Die erste Gegen­wart der Sophke genügte aber noch nicht, um ihnen den nötigen Respekt ein­zuflößen. Als sie nach dem heutigen Grandpopo abgedampft war, wurden die Unfreundlichkeiten nur noch stärker, sodaß sie auf dringende Bitten der Deutschen zurückkehrte. Jetzt entschloß sich der Kommandant zu einer Maßnahme, für die wir ihm noch heute dankbar sein müssen, denn ihre Wirkung unter den Eingeborenen ist sicher sehr weittragend gewiesen: er nahm nach Landung eines starken Detachements eine Anzahl der angesehensten Mitglieder der englischen Partei als Geiseln auf die Sophie, mit der sie nach Deutschland gebracht wurden. Hier haben sie in mehrwöchigem Aufenthalte Gelegenheit gehabt, sich entgegen den englischen Ver­kleinerungen davon zu überzeugen, was sie unter Deutschland eigentlich zu verstehen hatten. Daß die Eindrücke, welche die Geiseln dort empfingen, sehr nachhaltige gewesen sind, geht daraus hervor, daß sie nach ihrer Rückkehr von der Zwangs­fahrt nach Deutschland wirkliche Anhänger des Deutschtums in der Kolonie geworden sind. Mehrere von ihnen leben noch heute in oder bei Kleinpopo, und ich habe mir schon mehrfach ausführlich von ihnen über ihre damaligen Erlebnisse erzählen lassen, wobei ich oft ihr gutes Gedächtnis und ihre scharfe Beobachtungsgabe bewundern mußte.

Während der Abwesenheit der Geiseln stellte sich immer noch kein friedlicher Zustand her, indem bald die englische, bald die deutsche Schutzherrschaft den Ein-

*) Auch am 10. Juni waltete wieder ein Unstern über ihnen; wieder schlug das Boot zweimal um, und erst der 3. Versuch, die Brandung zu passieren, glückte!

**) H. starb ein Jahr später auf der Heimreise kurz vor Madeira auf hoher See.

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