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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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ich entsinne mich, daß auch französische Aerzte über die Häufigkeit und Bösartigkeit der Krokodilbisse auf Madagaskar berichten.

Gerade aus diesem Beispiel des Krokodiles geht hervor, wie verschieden der Charakter sit vsuia vsrbo eines Tieres sein kann. Es folgt ferner die Lehre daraus, wie vorsichtig man beim Aufstellen biologischer Resultate und ihrer Verallgemeinerung sein sollte; denn wie das Krokodil, so werden sicher eine große Anzahl anderer Tiere unter ostafrikanischen und ostindischen Bedingungen ganz andere Eigenschaften entwickeln als hier in Westafrika.

Am 1. Juni 1903.

Die letzte Maiwoche habe ich in Lome verlebt. Der Grund zu meiner Reise dorthin war der, daß Or. Kr. am 26. Mai auf Urlaub gehen durfte, und ich die ärztlichen Geschäfte, Abrechnungen, Apotheke, Inventar rc. von ihm über­nehmen sollte, um sie seinem für den 28. erwarteten Nachfolger zu übergeben. Es traf sich, daß noch drei andere Europäer, darunter zwei Genesene des Kranken­hauses zur selben Zeit dasselbe Reiseziel hatten wie ich, sodaß wir zu vieren in der Nacht des 23. am Strande entlang nach Lome zogen, wo wir am Morgen des 24. eintrafen. Ich fand gastliche Aufnahme beim stellvertretenden Gouverneur G-, der zusammen mit den: Regierungsbanmeister S. im Gouvernementsgebäude wohnt. Beide steckten kurz vor Postschluß für den Heimatsdampfer tief in der Arbeit drin, um noch alle möglichen Berichte, Eingaben und Antworten an die Behörde in Berlin fertig zu stellen. Hier habe ich zum ersten Male gesehen, daß auch in den Tropen die Notwendigkeit vorliegen kann, bis weit in die Nacht hinein zu arbeiten.

Zehn Monate lang hatte ich Lome nicht gesehen, an sich eine kurze Zeit; und doch hatte sich seither viel in ihm verändert. Das augenblickliche Hanptwerk der Kolonie, der Bau der Landungsbrücke, ist inzwischen weit vorgeschritten, nach­dem sich anfänglich ganz unvorhergesehene, hartnäckige Schwierigkeiten ergeben hatten. Als ich im vorigen Jahre in Lome ankam, hatte man eben mit dem Bau des Brückenkopfes auf dem Lande begonnen. Im Dezember war man beim Fort­schreiten des Werkes, ungefähr 50 in vorn Ufer entfernt, unter dem Sande des Meeresgrundes auf eine Schicht harten Sandsteins gestoßen, die das Einrammen der eisernen Brückenstützen mit den an Ort und Stelle vorhandenen Hilfsmitteln unmöglich machte. Die Beschaffung geeigneter Werkzeuge aus Deutschland verursachte natürlich einen erheblichen Zeitverlust; aber seit der Beseitigung dieses Hindernisses schreitet der Bau rasch vorwärts, und jetzt hat man die Brücke bereits 150 m weit in die Brandung hinein vorgeschoben, das ist die Hälfe ihrer Gesamtlänge.*) Bei 180 200 in Entfernung vom Lande steht gewöhnlich der erste Brandungs­brecher. Es war mir hochinteressant, mich sowohl vom Regierungsbaumeister S. als vom Ingenieur der bauenden Firma, P., einem liebenswürdigen Baiern, in die Einzelheiten der eigenartigen Brückenkonstrnktion einweihen zu lassen. Bis zum Ende des Jahres wird sie voraussichtlich fertig gestellt sein. Aber die Landnngs- brücke ist nicht das einzige Bauwerk, das im Entstehen begriffen ist. Unweit des Brückenkopfes baut man an einem stattlichen Zolldienstgebäude mit den zugehörigen Zollschnppen, und die Betonmauern des massigen neuen Gouvernementsgebäudes waren ein stattliches Stück emporgestiegen. Auch die private Bautätigkeit des Ortes ist rege, denn mehrere Firmen stehen gleichzeitig in einem Neubau ihrer Geschäftshäuser. Aber es bleibt trotz emsiger Arbeit der Zukunft gerade in der

*) Die Brücke wurde gebaut von der Zweigaustalt Gustavsburg der vereiuigteu Maschiuenfabrik Augsburg und Maschinenbaugesollschaft Nürnberg.

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