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herabblickt. Ich könnte eine ganze Reihe, teils spaßhafter Illustrationen zu diesen! ernsten Kapitel geben. Der Sinn einer anderen christlichen Lehre: jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, ist dem Schwarzen viel weniger sympathisch. Und doch liegt in einer richtigen Beherrschung des Eingeborenen die wahre Freiheit für ihn, genau wie für das Kind in der elterlichen Herrschaft die Bürgschaft für eine richtige Erziehung liegt. Wohin die „Freiheit" den Neger führen kann, wenn ihre Ausübung ihm selbst überlassen bleibt, das zeigt am besten das widerliche Zerrbild europäischer Kultur, wie wir's in der sogenannten Negerrepublik Liberia an der Westküste anstaunen können, die freilich ihre vorläufige Existenz nur dem Umstände verdankt, daß keine Macht der andern den Erwerb ihres Gebietes gönnt. „Frei" sollen wir den Neger machen, gewiß, aber nicht durch Halbbildung frei von der Arbeit, sondern frei zur Arbeit durch eine Erziehung, die seinem Kulturniveau angepaßt ist. Wir begehen vielfach einen großen Fehler, indem wir annehmen, daß alles, was uns selbst als ein Fortschritt, ein Vorzug, als wertvolle Errungenschaft unserer Kultur erscheint, für den Neger die gleiche Bedeutung haben müsse; wir neigen stets zu der Torheit, unseren heimischen Maßstab an seine Verhältnisse anzulegen. Mit Nichten sollen wir den Eingeborenen als unseren schwarzen „Bruder" ansehen, sondern als unser unmündiges Kind. Auch hier trennt eine tiefe Kluft die Anschauungen der Mission von jeder praktischen Kolonialpvlitik, eine Kluft, die sich zwar überbrücken, aber nie ausfüllen lassen wird.
Wenn ich in meinen Ausführungen den Vergleich mit dem unerzogenen Kinde zu Grunde gelegt habe, so möchte ich doch nicht vergessen hervorzuheben, daß dieser Vergleich eum Zrano salis zu nehmen ist. Vor allem möchte ich nicht den Glauben erwecken, als wenn der Erziehungszeitraum, dessen der Neger bedarf, dem des Kindes gleichzusetzen sei. Jahrhunderte wird er für den Neger dauern, und hoffentlich wird er auch dann nicht seinem europäischen Lehrmeister über den Kopf wachsen, sondern dauernd im Vergleiche zu ihm der Unmündige bleiben.
„Afrika den Afrikanern", sagt Zintgraff treffend, „aber uns die Afrikaner!"
Kleinpopo, den 9. Mai 1903.
Meine liebe Frau!
So, nun sind wir über den Berg, die erste Hälfte der anderthalbjährigen Dienstzeit liegt hinter uns; hoffentlich verläuft die zweite ebenso glatt für Euch daheim und für mich hier draußen. Die ursprüngliche Heimat ist eine Mutter, sagt ein Sprichwort, die zweite eine Stiefmutter, aber es gibt auch gute Stiefmütter wie ich sehe; Togo läßt sich wirklich lieb gewinnen, und das Liebste am ganzen Lande ist mir unser Nachtigalkrankenhaus. Zwei wichtige Neuerwerbungen haben wir in den letzten Wochen für dasselbe gemacht: eine, die hoffentlich seinen materiellen Wert, eine andere, die seine ideelle Bedeutung erhöhen wird. Erstere besteht in einem schönen, neuen, großen Kochherde, der nach vielem Hin- und Herschreiben endlich aus Deutschland eintraf und seinen alten, qualmenden und rußenden Bruder, der uns gar manche Mahlzeit verärgerte, verdrängt hat. Die starken Bretter der Riesenkisten, in denen er sorgsam verpackt war, gaben mir gleichzeitig Gelegenheit, das eine meiner drei Zimmer, das fast leer stand, mit einigen primitiven Möbeln auszustatten. Ein schwarzer Zimmermann hat nach meinen Angaben und unter meinen Augen mehrere ganz brauchbare Stücke, darunter sogar einen Schreibtisch, gezimmert, sodaß der Raum jetzt wenigstens den Eindruck eines bewohnbaren Zimmers macht. Der einzige Fehler, der diesen neuen Kunstwerken anhaftet, ist der, daß wir sie in Ermangelung von Beize mit