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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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Die ganze Frage nach der Herkunft dieses Harmattanstaubes würde sich wohl da­durch entscheiden lassen, daß man eine größere Menge davon, vielleicht auf einer frei aufgestellten großen Glasplatte, sammelt und mikroskopisch sowie chemisch daraufhin untersucht, ob er vorwiegend Pflanzliche oder mineralische Bestandteile enthält. Vielleicht wird auch die ganze charakteristische Luftströmung des Harmattans überhaupt durch nichts anderes ausgelöst, als durch die zur Trockenzeit über ganz Afrika verbreiteten Steppenbrände.

Anfang Februar 1903.

.Kaisers Geburtstag gehört zu den großen Festen der Kolonie, die

von Weißen und Schwarzen gefeiert werden; für letztere ist es vielleicht sogar das höchste des ganzen Jahres. Es ruht an diesem Tage nicht nur alle Arbeit für sie der Hauptwert eines Feiertages sondern es besteht auch die Sitte, allen in Regierungsdiensten angestellten Farbigen am 27. Januar einKaiserliches Gnadengeschenk" auszuzahlen, das je nach der Dauer ihrer Dienstzeit und dem Range ihrer Stellung zwischen 1 bis 10 Mk. schwankt. Im Bezirksamt Sebe hatte G. eine kleine Feier arrangiert. Gegen 10 Uhr versammelten wir Europäer uns fast vollzählig dort; auch die Häuptlinge Kleinpopos und einiger benachbarter, großer Dörfer sowie andere schwarze Honoratioren waren geladen. Die meisten von ihnen erschienen in europäischer Kleidung, nur wenige in ihrer kleidsamen Toga. Auf dem Vorplätze des Regierungsgebäudes waren links die schwarzen Polizei­soldaten in neuen, sauberen Uniformen aufgestellt, ihnen gegenüber die Jungen der Regierungsschule. Den Moment des Kaiserhochs, das G. in kurzer Rede aus­brachte, ließ ich durch einen hinter einem Busch aufgestellten schwarzen Photographen festhalten; einige Abzüge dieser Aufnahme lege ich den diesmal fertig gestellten Bildern bei. Ein Frühstück, an dem ausnahmsweise auch die schwarze Gesellschaft teilnahm, hielt uns dann noch einige Stunden auf der Veranda des Bezirksamtes zusammen; aber unsere ,Halbseidenen" schienen sich nicht recht heimisch unter uns zu fühlen, wenigstens solange nicht, bis der Sekt, den sie wie Lagunenwasser tranken, und riesige Quantitäten der verschiedenen Gerichte des kalten Büffets ihr Wohlbehagen wiederhergestellt hatten. Unten im Parke hielten die schwarzen Soldaten inzwischen unter dem Befehle des Polizeimeisters eine Gefechtsübung mit Platzpatronen; natürlich ist es ein Hauptvergnügen für sie, tüchtig knallen zu können. Für uns Europäer folgte später ein Preisschießen mit Militärgewehren.

Am Tage nach Kaisers Geburtstag kam ein Oberleutnant Pr. aus Lome, ein Landsmann (sächsischer Pionier), bei mir zu kurzem Besuch an, hauptsächlich um mich wegen der Folgen einer ernsten Verletzung zu konsultieren, die er vor einigen Wochen erlitten hat. Die Bauhütte der Landungsbrücke in Lome war in Flammen aufgegangen; Pr. hatte sich aus dem Brandplatze in seiner Eigenschaft als Bezirksamtmann von Lome zu schaffen gemacht, als das Dach des Schuppens niederging und ihn zum retirieren zwang. Bei seinem Rückzüge mußte er eine zur Absperrung lose über zwei Zementblöcke gelegte Eisenbahnschiene überspringen und kam dabei zu Fall. Die schwere Schiene fiel ihm quer übers Gesicht und verursachte ihm eine schwere Verwundung: außer einem gewaltigen Durchzieher über die rechte Backe und dem Verlust einiger Zähne eine Quetschung mehrerer Gesichtsnerven rc. Die durch letztere hervorgerufenen Störungen werden voraus­sichtlich die hartnäckigsten sein und nur langsam zur Heilung kommen. Außer Pr. haben noch einige andere Beamte aus L. in den letzten Tagen das Krankenhaus zu längerem Aufenthalte aufgesucht. Die berufliche Arbeit hat sich augenblicklich im Vergleich zu früher gehäuft, besonders dadurch, daß zwei Schwestern gleichzeitig erkrankt sind und nun, anstatt helfen zu können, selbst der Hilfe bedürfen.