Druckschrift 
Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
Entstehung
Seite
50
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Den 7. Januar 1903.

Aus der Poliklinik für Eingeborene.

Die Zahl der schwarzen Patienten, die täglich zur Poliklinik kommen, hat im Laufe der Zeit eine ganz ansehnliche Höhe erreicht und beträgt jetzt ungefähr monatlich 100 neue Zugänge. Eine weitere Steigerung wäre mir nicht einmal um jeden Preis erwünscht, denn jetzt ist es bei dem beschränkten Raume und der primitiven äußeren Einrichtung gerade noch möglich, alle einzelnen Fälle einiger­maßen gründlich zu untersuchen, zu beobachten und zu behandeln. Bei noch mehr wachsender Frequenz würde ich bald genötigt sein, wie es ja daheim in vielen poliklinischen Betrieben die Regel ist, ärztliche Momentaufnahmen zu machen.

Ueberrascht hat mich das große Zutrauen der Togoleute zum Messer des Arztes. Zum Teil ist es wohl der in die Augen springende Erfolg, der es herbeiführt, zum Teil auch die Anwendung der Schleichschen Anaesthie anstelle der allgemeinen Narkose bei ernsteren Operationen. Schon mein Vorgänger hat sie hier unter den Schwarzen eingebürgert, weil sie gegen eine allgemeine Betäubung eine große Abneigung hegen. Es ist ihnen unsympathisch, in einen bewußtlosen Zu­stand versetzt zu werden, in dem sie nicht verfolgen können, was mit ihnen geschieht, und erst im Laufe der Jahre wird es gelingen sie mit der Narkose zu befreunden.

Die operative Tätigkeit gestaltet sich hier zu einer Art Saisonchirurgie. Ist ein Eingriff bei einem Eingeborenen geglückt, so dauert es nicht lange, und es kommen eine ganze Reihe gleichartiger Patienten mit dem Verlangen, auch behandelt zu werden. Kurz nach der ersten Bruchoperation Bruchleiden sind äußerst stark hier verbreitet folgte eine ganze Anzahl weiterer; ebenso ging es nach der ersten Hydrocelen-Operation; und nachdem sich kürzlich der erste Starblinde einer erfolgreichen Staroperation unterzogen hatte, haben auch mehrere andere Starkranke Hilfe nachgesucht. Viele Patienten kommen in einem Krankheitsstadium zum Arzte, das man daheim niemals erlebt. Jahrelang haben sie sich mit ihrem Leiden herum­geschleppt, sei es daß sie solange nicht den Mut fanden, sich dem weißen Arzte anzuvertrauen, sei es, daß bis zu ihrem Dorfe die Kunde von seiner Existenz über­haupt noch nicht vorgedrungen war, sei es, daß der mächtige Fetischpriester ihnen vor dem weißen Medizinmanne Angst gemacht hatte. Kürzlich kam ein Kranker mit einer riesigen Hydrocele in Behandlung, die einen Inhalt von 3^/z 1 ergab. Der Patient hatte sich eine eiserne Kette um die Hüften schmieden lassen und an dieser einen großen Sack befestigt, in dem er jahraus jahrein seine Geschwulst mit sich umhergetragen hatte.

Alle größeren Eingriffe müssen im Operationsraume des Nachtigalhospitales vorgenommen werden. Zur weiteren Behandlung liegen die Patienten in der Poliklinik. Neuerdings gebe ich jedem Schwarzen nach der Operation eine starke Dosis Opium, und dies aus folgendem Grunde. Die Schwarzen fühlen sich selbst nach schweren Operationen in keiner Weise angegriffen und können es trotz ein­gehender Ermahnungen nicht verstehen, warum zu ihrer Heilung wenigstens für einige Tage absolute Ruhe erforderlich ist. Sobald sie in ihrer Klause angekommen sind, hockt gewöhnlich die ganze Verwandtschaft um das Lager herum, und es be­ginnt ein ausgiebiges Fragen und Erzählen. Der Operierte findet selbst nichts dabei, in einem unbewachten Augenblicke auch ruhig einmal seine Lagerstätte zu verlassen. So hatte ich kürzlich Nachmittags 5 Uhr eine recht schwierige Bruch­operation glücklich beendet. 7 Uhr erschien Dovi aus der Poliklinik und meldete, daß es dem Betreffendenschlecht gehe". Ich eilte zu ihm und stellte folgendes fest: Der brave Schwarze hatte im Vollgefühl seines Wohlbefindens bei Einbruch der Dunkelheit, also kaum eine Stunde nach der Operation, den altgewohnten abendlichen Gang nach dem Meeresstrande gemacht, um dort sein Bedürfnis zu verrichten. Bei dieser Kraftleistung hatte die Unterbindung einer Arterie nicht stand gehalten, und eine lebhafte innere Blutung war eingetreten. Der Schwäche­zustand des Kranken hatte bei meinem Erscheinen schon einen recht bedenklichen