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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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Sämtliche Firmen unterhalten in ihren Faktoreien an der Küste umfangreiche Ladengeschäfte, in denen der Eingeborene gegen bare Münze oder im Tausch seine Wünsche befriedigen kann. An der Küste hat sich der Gebrauch deutschen Geldes bereits gut neben dem englischen eingebürgert. Kupfergeld, Zehnpfennig- und Dreimarkstücke sind merkwürdiger Weise nicht im Verkehr der Kolonie zugelassen. Weit in das Hinterland hinein ist aber der Geldverkehr noch nicht gedrungen; hier spielen noch die Kaurimuscheln, von denen 8 Stück etwa den Wert eines Pfennigs darstellen, eine große Rolle. In größeren Ortschaften bis zur Ent­fernung von einigen Tagereisen landeinwärts, haben die Firmen Zweignieder­lassungen, die meist von einem schwarzen Händler (Clark) verwaltet werden, errichtet. Sie dienen als Einkaufsfilialen für die Landesprodukte, unterhalten aber ebenfalls Ladenbetrieb und besonders den Ausschank von Spiritussen. Für das entferntere Hinterland besorgen die Haussahs den Zwischenhandel. An allen größeren Orten verkehrsreicher Handelsstraßen des Landes haben sie eigene Ansiedelungen; auch Kleinpopo hat eine Haussahkolonie, die nur wenige Minuten hinter dem Krankenhause gelegen ist und wohl einige hundert Bewohner zählt. Diese Haussahs unterscheiden sich ganz wesentlich von den Küstennegern Togos. Ihre eigentliche Heimat ist im zentralen Afrika zu suchen, von wo aus sie nach allen Himmelsrichtungen hin einen lebhaften Karawanenverkehr unterhalten. Wahr­scheinlich fließt in ihren Adern semitisches Blut. Meist sind sie stattlich gebaute, tief schwarze Gestalten mit markanten, klugen Gesichtszügen. Schon ihre abweichende Kleidung: ein mantelartiges bis über die Knie Herabreichendes und dort lose anschließendes Gewand, weiß oder blau, aus selbst gearbeitetem und gefärbtem Stoffe hergestellt, bei den Wohlhabenden mit kunstvoller Stickerei besetzt, dazu eine phrygische Mütze oder den Turban auf dem Kopfe, läßt sie auf den ersten Blick erkennen. Aber auch in der Bauart ihrer Hütten, in ihren Hausgerät­schaften, ihrer Sprache, ihrer Religion sie sind Muhamedaner, in ihren Sitten und Gebräuchen, kurz in ihrer ganzen Kultur sind sie scharf vom Ewheneger unterschieden. Namentlich sind sie ihm an Arbeitsamkeit, Ausdauer und Geschäfts­sinn sicher weit überlegen. Der Alkohol hat noch wenig Anklang bei ihnen gefunden; ihr ständig gebrauchtes Anregungsmittel besteht im Kauen der Kolanuß; auch der Schnupftabak ist ihnen nicht fremd. Der nicht auf größeren Handels­reisen befindliche, in der Niederlassung zurückbleibende Teil der Haussahs handelt inzwischen in der nächsten Umgebung unter Weißen und Schwarzen mit den Erzeugnissen ihres Gewerbfleißes: Zeugen, allerhand Bastgeflechten, Körben,

Matten, Tellern, Hüten, Lederwaren, Waffen usw. Selbst eine ganz ansehnliche Herde von Schafen und Ziegen haben sie hier in Kleinpopo in Zucht.

Kleinpopo, am 9. Dezember 1902.

Meine liebe Frau!

Diesen Brief schreibe ich Dir in der Gig des Bezirksamtes, auf der Heim­fahrt von einem Besucheüber Land" nach dem französischen Grandpopo. Gestern Nachmittag wurde ich telegraphisch von einem französischen Beamten gebeten, seine erkrankte Frau zu besuchen. Da es sich offenbar um eine ernste Erkrankung handelte, nahm ich Schwester I. zur eventuellen Pflege der Patientin mit. Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als wir abfuhren. Nach achtstündiger Wasserfahrt kamen wir gegen 2^ Uhr nachts an; am Ufer warteten einige dort postierte Schwarze, die uns ins Haus des Mr. Nehm, desivspeotsvr äs 1a Mi-äe iuäiZ6u6«, brachten. Du siehst, daß auch in den französischen Kolonien mit stolzen Titeln nicht gegeizt wird, denn hinter dem Inspekteur der Eingeborenen-