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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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Orgien. Als jüngster Afrikaner hüte ich mich aber wohlweislich vorläufig zu widersprechen.

Du siehst, im Ganzen leben wir erträglich. Auf vieles freilich, was die Heimat als etwas selbstverständliches bietet, müssen wir hier verzichten. Dafür sind wir in anderen Dingen wieder bevorzugt. Schwer drückt mich noch das Be­wußtsein, drei Wochen Seefahrtszeit von der Heimat entfernt zu sein, und alles, was ich nach dieser Frist aus Deutschland erhalte, nur antiquiert zu haben. Die Gewöhnung allein kann Abhilfe schaffen.

Eine Bitte habe ich noch auf dem Herzen: schicke mir ab und zu ein gutes Buch. Aber ein wirklich gutes muß es sein, denn anstatt ein schlechtes zu lesen, will ich lieber eine Operation mehr machen oder ein paar Enten auf der Lagune schießen. Ich selbst kann von hier aus schwer Spreu vom Weizen unter­scheiden; was Dir wirklich gefallen hat, schicke heraus; auch alle Monate einen Packen Zeitungen. Auf der Reise fand ich in der Schiffsbibliothek ein Werk von Frenssen, Jörn Uhl. Es muß demnach schon vor geraumer Zeit erschienen sein; aber bis in unser verlassenes Bergdorf war noch keine Kunde davon gedrungen. Schaffe Dir es an. Es ist in unserer Zeit des Probierend, Suchens, Tastens und der Halbheiten seit langem wieder etwas Ganzes, es atmet nordische Kraft. Warum es mir besonders gefallen hat, kann ich Dir in kurzen Worten nicht sagen, aber ich zweifle nicht, daß es auf Dich eher noch stärker wirken wird, weil es in Deinem Heimatlande spielt. Schreibe mir mal darüber.

Einige lose Tagebuchblätter und Photographische Aufnahmen mit den nötigen Erklärungen lege ich diesen Zeilen wieder bei. Du wirst gewiß mit allen mög­lichen Fragen bedacht werden, mehr vielleicht aus Neugier als wirklichem Interesse. Je nach Zeit und Neigung will ich auch in Zukunft kleine Notizen und Skizzen niederschreiben. Vielleicht können sie Dir und anderen, denen Du sie zugänglich machen willst, nach und nach ein annäherndes Bild unseres Lebens und Strebens hier entwerfen, und uns sind sie später eine Erinnerung an diese Afrikazeit.

Lebe wohl, der nächste Dampfer bringt Dir bald mehr. Hoffentlich geht es Euch ebenso gut wie mir. Dir und der Kleinen einen herzlichen Kuß vom fer­nen Vater.

Am 11. September 1902.

Vor einigen Tagen traf Dr. Sch. aus dem Hinterlands hier ein, war während dieser Zeit mein Gast und hat sich heute morgen zu einem Heimatsurlaub eingeschifft. Er weilte seit l'/z Jahren in der Kolonie und verbrachte einen großen Teil dieser Zeit im Hinterlande mit der Lösung einer bestimmten Aufgabe von weittragender Bedeutung, die ihm hoffentlich gelungen ist. Das Togo- hinterland besitzt große Reichtümer an Rinderherden, aber der Transport dieser Tiere zur Küste ist bisher unmöglich, weil sie während desselben der Ansteckung mit einer Seuche ausgesetzt sind, der sogenanntenSurrah", die ausnahmslos zum Tode führt; oft allerdings erst nach langem vorausgehenden Siechtums. Hier in Togo sowohl als in Ostafrika und Kamerun herrscht in verschiedenen Distrikten diese Tierkrankheit, die nicht nur Rinder sondern auch Pferde zu befallen Pflegt. Die Krankheit wird den Tieren vermittelt durch den infizierenden Stich der Tsetse­fliege. Die unmittelbare Küstengegend selbst ist in Togo frei von Surrah. Ab­gesehen davon, daß durch diese Seuche das Hinabtreiben von Viehbeständen zur Küste für Schlacht- und Exportzwecke unmöglich gemacht wird, steht sie auch ihrer Nutzbarmachung als Zugtiere für den Lastverkehr oder den landwirtschaft­lichen Betrieb entgegen. Solange wir daher über keine Eisenbahnen oder mit dem Automobil befahrbaren Straßen verfügen, müssen alle Produkte die kostspielige