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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
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afrikanischen Produkten errichtet. Nach seinem Tode wurden bald auch seine Kolonialpläne zu Grabe getragen, wo sie still geruht haben, bis sie im neuen deutschen Reiche zu neuem Erwachen kamen, bis auf die kurze knrbrandenburgische Kolonialepoche die hoffentlich länger währende des deutschen Reiches folgte.

Heute Abend noch gedenken wir vorunserm" Afrika, vor Lome, dem Haupt­orte Togos, einzutreffen und morgen in aller Frühe an Land zu gehen.

Am 5. August 1902.

Gewiß wollt Ihr nun gern von mir alles mögliche über Land und Leute, über die ersten Eindrücke, welche die neuen Verhältnisse auf mich gemacht haben, wissen. Wie soll ich sie Euch schildern? Alles ist neu für mich. Bisher komme ich mir noch vor wie ein entwurzelter Baum, herausgerissen aus dem alten Erd­reich, verpflanzt in einen neuen, ungewohnten Boden, ohne zu wissen, ob er dauernd feste Wurzeln schlagen wird. Welcher gewaltige Kontrast, beruflich und äußer- beruflich, in so kurzer Zeit! Vor wenigen Wochen noch im idyllischen Bergdorfe, den langen Talweg zu meinen Kranken wandernd, heute in den engen Gassen des Negerortes Kleinpopo. Vor kurzem noch im trauten Heim, bei Weib und frohem Kinderlachen, heute unter fremden schwarzen Gesichtern. Unlängst noch um mich die imposanten, dicht bewaldeten heimatlichen Berge mit ihren Fichten und Tannen, die Täler mit wogendem Korn, das der Ernte entgegenreifte, heute in der afrika­nischen Küstenebene, unter Kokosbüumen, Eukalypten, Oelpalmen und anderer exotischen Vegetation; einen Steinwurf weit von: Hause entfernt das immer brandende Meer, mit seiner weiten, endlosen Fläche. Vor wenigen Wochen noch einen Ausblick auf eine der schönsten Gegenden des deutschen Vaterlandes; heute schaut das Auge, soweit es nicht die See streift, über die strohgedeckten Hütten der Eingeborenen und niederes Buschwerk. Kurz, ein großer Gegensatz in Allem. Aber er wird nicht unüberwindlich sein. Eine Hilfe habe ich dabei, die mir vom alten zum neuen Erdteile treu bleiben und mich auch hier heimisch machen wird, die Freude an meinem Berufe. Sie wird mir ein Führer aus dem altgewohnten, heimatlichen Leben hinein ins neue, afrikanische sein. Ich habe guten Mut. Das Arbeitsfeld ist hart, aber gewiß fruchtbar, wenn es ordentlich bearbeitet wird. Ich werde mich anfänglich ganz auf meine Berufstätigkeit zu beschränken haben und auch da erst vorsichtig tastend herausfühlen müssen, was von europäischen, mit herausgebrachten Anschauungen in die neue Umgebung herein Paßt, was einer Umwandlung bedarf, und was völlig über Bord geworfen werden muß.

Am 30. Juli morgens verließen wir 6 Passagiere für Togo, darunter auch eine Krankenschwester F. L., unsern Dampfer; die Bordkapelle spielte uns noch einen Abschiedsgruß, und zehn Minuten später fuhren wir durch die gefürchtete Brandung, die es gnädig mit uns machte und uns leidlich trocken an Land kommen ließ. So standen wir wieder auf festem deutschen Boden. Lome macht schon von der See aus einen überaus freundlichen Eindruck, und wenig erweckt in seinem Aeußern die Vorstellung vomdunkeln" Erdteil. Ich glaube nicht, daß sich einer der vielen, gleich großen Plätze der Westküste Afrikas an Sauber­keit mit ihm messen darf. Obwohl es verkehrt ist, so wird man sich unwillkürlich immer im voraus von einem Orte eine Vorstellung machen, ehe man ihn zu sehen bekommt. So hatte ich mir das Bild der Togoküste entsprechend dem mir be­kannten Südwestafrika zurecht gelegt, aber die Wirklichkeit war viel schöner als mein Phantasiegemälde. Breite schmucke Straßen, denen selbst die Namenschilder nicht fehlen, mit Kokospalmen oder anderen Bäumen bepflanzt; freundliche Europäer­häuser, weiß in grünem Pflanzenwuchs, zwischen denen nur ganz vereinzelt einige Negerhütten ihr vorläufiges Dasein fristen, das ganze Bild überragt von zwei