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Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika / von Ludwig Külz
Entstehung
Seite
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An Bord, den 29. Juli 1902.

Unser Dampfer naht sich nach zwanzigtägiger Fahrt dem Ziele. Gerade diese Reise bedeutet für die Rederei einen Markstein ihrer Entwicklung, es ist die erste Fahrt ihres neusten und schnellsten Schiffes, derEleonore Woermann". So kam es auch, daß der Reder selbst und eine große Zahl seines Verwandtenkreises teils bis Southampton teils bis zu den Kanarischen Inseln an ihr teilnahmen. Leider verunglückte der erste Akt dieser Premiere: unsere Ankunft in Southampton. Eine stürmische Fahrt in der Nordsee hatte den neuen Maschinen Schaden zugefügt, so- daß wir mit erheblicher Verspätung dort einliefen. Diese Verzögerung war des­halb höchst unwillkommen, weil in Southampton ein Repräsentationsdiner an Bord vorgesehen war. Die Geladenen mußten 7 Stunden auf uns warten. Das Diner fand trotzdem statt, allerdings in gedrängtem Verlaufe. Den folgenden Tag lagen wir zur Reparatur des Maschinendefektes vor Anker, und der unfreiwillige Auf­enthalt gab uns Gelegenheit zu einem Besuche der Stadt, die noch den Festschmuck von tausenden von Fahnen, Transparenten und Guirlanden für die verunglückte Krönungsfeier König Eduards zeigte. Als ich vor zwei Jahren entlang der afri­kanischen Westküste nach Südafrika zog, da trug mich eines der ältesten und kleinsten Fahrzeuge der Woermann-Linie, die alte wackeligeGertrud", und es war ihre letzte große Meeresfahrt. Die Zeichen der nahenden Altersschwäche verbannten sie von der hohen See, sodaß sie von da ab nur noch den Küstenverkehr von Südwest­afrika vermitteln durfte*). Unsere Weiterreise ging von Southampton ab glatt vonstatten. Sie war über Madeira und die Kanarischen Inseln mit allen ihren malerischen Reizen, ihren Weinbergen, dem schmutzigen aber heiteren Völkchen ihrer Bewohner, die von der Ausbeutung durchreisender Fremder leben, die gleiche wie damals. Auch bis Monrovia, dem Hauptplatze der Negerrepublik Liberia, an dem wir wieder die Zerrbilder einer demfreien" Neger aufgepfropften europäischen Kultur bewundern konnten, bot sie mir nichts neues. Von Monrovia ab liefen wir die Hafenplätze der Elfenbein- und Goldküste an. Leider sahen wir alle diese Orte nur von der See aus, denn unser Aufenthalt war nirgends mehr als auf einige Stunden bemessen, sodaß ein Besuch an Land unmöglich war. Ich hätte sie gern kennen gelernt, um wenigstens einen äußeren Vergleich zwischen diesen Westafrikanischen, französischen und englischen Niederlassungen mit denen der deutschen Kolonien zu haben. Sehr gern hätte ich auch die Stätten besucht, an denen vor langer Zeit die ersten deutschen Kolonialträume geträumt wurden. Es wird Euch vielleicht nicht bekannt sein, daß vor mehr als zwei Jahrhunderten kein geringerer als der große Kurfürst mit weit vorausschauendem Blicke hier in dieser Gegend die Flagge Brandenburgs hatte hissen lassen. Mehrere branden- burgische Forts, von denen noch heute vereinzelte Trümmer und Erdwälle als letzte Reminiszenzen vorhanden sind, hatte er hier zum Schutze des Handels mit

*) Inzwischen ist sie am Strande Swakopmunds im Nebel gesunken, und nicht weit vom Grabe der älteren Schwester entfernt, ereilte auch ihren Ersatz, die neue Gertrud Woermann, gelegentlich eines Truppentransportes das gleiche Verhängnis.