Ginleitung
P ie vorliegende Arbeit soll nicht eine gelehrte Abhandlung sein, sondern der Verfasser beabsichtigt nur, das wenige, was er während eines dreijährigen Aufenthaltes in den Nyassa-Ländern an physisch-anthropologischem Material zusammengetragen hat, den sich hierfür interessierenden Kreisen zugänglich zu machen.
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Es sind jedoch an dieser Stelle nur die am Lebenden gewonnenen Untersuchungsresultate berücksichtigt, da zur Verarbeitung des gesammelten Knochen- und Weichteil- materials*) die beschränkte Zeit nicht ausreichte.
Da es sich um Material handelt, welches zum grössten Teil aufExpeditionen und Kriegszügen, oft unter den erschwerendsten Bedingungen zusammengebracht wurde, so ist dasselbe naturgemäss recht lückenhaft, und von dem einen Volksstamm konnten mehr, von dem andern weniger Individuen gemessen und photographiert werden**).
Den wichtigsten Teil dieser Publikation bilden wohl die Typen-Aufnahmen, deren Betrachtung ja ohne weiteres eine ganze Anzahl von Fragen besser beantwortet, als dies langatmige Erläuterungen vermögen.
Was die Messungstabellen anbelangt, so bin ich mir voll und ganz bewusst, dass denselben wie allen Messungen am Lebenden gewisse Fehler anhaften und dass eine Genauigkeit, wie sie beim Messen von Knochenmaterial erreicht werden kann, hier nicht möglich ist. Gleichwohl bietet die Messung am Lebenden einen gewissen Ersatz, wenn Knochenmaterial nicht in genügender Menge vorhanden ist, und gewisse Malse, wie die »ganze Höhe«, Mundbreite, Ohrlänge u. s. w., sind ja überhaupt nur am Lebenden zu bestimmen. ***)
Haben schon, wie erwähnt, die Messungen am Lebenden ihre Ungenauigkeiten, so ist dies in noch weit höherem Mafse bei den auf Grund von Fussabdrücken berechneten Zahlen der Fall, und ich habe mich daher nur ungern entschlossen,
*) Etwa fünfundzwanzig Schädel, zwei ganze Skelette, acht Köpfe in Formalin, sieben Gehirne und eine Anzahl Eingeweide-Präparate.
Da ich in Ostafrika als Arzt in der Kaiserlichen Schutztruppe thätig war und ich den grössten Teil meiner Müsse zoologischen und ethnographischen Sammlungen widmete, blieb mir auch nur wenig Zeit zu diesen Untersuchungen übrig. Hierzu kam noch, dass ich mit wenigen Ausnahmen ganz auf die Assistenz von eingeborenen Dienern beschränkt war.
***) Siehe die diesbezüglichen Ausführungen von v. Luschan in dem Sammelwerk »Deutschland und seine Kolonien im Jahre 1896«. Berlin 1897. S. 209.
die Resultate, die ich von über hundert Fussabdrücken erhalten habe, überhaupt zu publizieren; immerhin zeigen diese Abdrücke aber eine Reihe von bemerkenswerten Eigentümlichkeiten, die der Erwähnung wert erschienen.
Es ist vermieden worden, aus den.Zahlen der Messungstabellen resp. den berechneten Indices allgemeinere Schlüsse zu ziehen und muss ich dies Berufeneren als ich es bin überlassen; aus dem relativ sehr geringfügigen Material, welches von diesen in Bezug auf physisch-athropologische Untersuchungen ja so gut wie unberührten Gebieten vorliegt*), ist es vielleicht auch nicht angängig, weitere Folgerungen abzuleiten.
Den Tabellen und Abbildungen sind nur wenige erläuternde Bemerkungen über die Abstammung der einzelnen Individuen hinzugefügt und teilweise auch die Beschreibung einiger Merkmale, die sich aus den Typen und Zahlen nicht erkennen lassen, wie die Farbe der Haut, die Form der Nasenlöcher u. s. w.
Auch ist im Zusammenhänge einiges über die Geschichte, Herkunft und anscheinende Verwandtschaft der in Betracht kommenden Völkerschaften berichtet, dem sich allgemeinere Bemerkungen über somatische und physiologische Eigentümlichkeiten anschliessen; die Litteratur ist dabei im allgemeinen unberücksichtigt geblieben und fast nur die Angaben von Johnston, die sich auf die Neger des englischen Nyassa-Gebietes beziehen, vergleichungssweise herangezogen worden.
Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch an dieser Stelle der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, dem Kaiserlichen Gouvernement von Deutsch-Ostafrika, dem Kuratorium der Gräfin Bose-Stiftung und in ganz besonderem Mafse dem Kuratorium der Hermann und Elise geb. Heckmann Wentzel-Stiftung, welches mir reiche Mittel zur Ausführung meiner Untersuchungen zur Verfügung stellte und auch in liberalster Weise die Veröffentlichung dieser Arbeit subventionierte und dadurch überhaupt erst ermöglicht hat, für die mir geleistete Forderung und Unterstützung zu danken.
*) Johnston giebt in seinem Werke über Britisch-Centralafrika zwar eine Reihe deskriptiver Bemerkungen über die Bewohner des Britischen Nyassa- Gebietes, aber leider nur sehr wenige Typen und keine Messungstabellen, sondern statt dessen nur einige wenige »Durchschnittsmasse«. _ (Sir Harry Johnston, British Central Afrika, London I897.)