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Bd. 1 (1911)
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ABSCHNITT 10.

SOZIALES LEBEN. BESITZ. RECHTSANSCHAUUNGEN.

In Neu-Guinea finden unsere Sozialschwärmer ihre Theorien in die Praxis umgesetzt und sie können vom Papua manches lernen, was sich nur im praktischen Leben erlernen läßt. Kein Überfluß, kein Darben, kein Oben und Unten, kein Herr und kein Knecht; überall ausgesprochener Kommunismus; dafür aber auch völliger Stillstand auf der niedrigsten Kultur­stufe und gänzliche Ohnmacht irgend einem Feinde, einem Stärkeren gegen­über. In den vorigen Abschnitten wurde wiederholt von angesehenen Häuptlingen gesprochen und es könnte die Vorstellung entstehen, daß der Häuptling irgend etwas zu sagen hat. Er besitzt in Wirklichkeit nur ein gewisses Bestimmungsrecht in bezug auf Festlichkeiten und Kriegszüge, darf es sich aber nie einfallen lassen, im übrigen irgendwie kommandieren zu wollen; er würde damit kläglichstes Fiasko machen. Von irgendwelchem territorialen Zusammenschluß, und wenn er auch nur an die Größe von Reuß-Greiz erinnerte, ist nirgends die Rede. Noch nie erstreckte sich der Einfluß eines Mannes über die Grenzen seines Dorfes hinaus.

Wenn in Neu-Guinea niemals ein Mann aufstand, der die Stammes­genossen mitzureißen wußte und mit eiserner Faust ein Reich gründete, wie einst Kamehameha auf Hawaii, so findet dies seine Erklärung in der sehr dünnen Bevölkerung und der Unzugänglichkeit des wilden Gebirgs- landes. Es verlohnt sich nicht, hier zu herrschen.

Die Funktionen des Dorfhäuptlings bestehen hauptsächlich im Aufbe­wahren des gemeinsamen Dorfeigentums: der Eberhauer, vor allem aber des Dorf-Balumholzes. Er gibt die Anregung zur Abhaltung des Balumfestes und ist bei demselben Ober-Dorfzeremonienmeister. Selbstverständlich versteht er sich auf Zauberei und ist daher wegen dieser Künste gefürchtet. Er hat ferner darüber zu entscheiden, ob das Nachbardorf überfallen und ob irgend ein anderer mißliebiger Zauberer aus dem Wege geräumt werden soll. Als Gegenleistung für diese Ehrenämter ist es seine Pflicht, die in das Dorf kommenden Gäste in seiner Hütte aufzunehmen und zu bewirten. In der Sprache der Sattelberg-Kai heißt der Häuptlingbongbong. Dies ist dasselbe Wort wiebumbum, die allgemein übliche Bezeichnung des Weißen.

Es wäre zweckmäßig, die BezeichnungHäuptling ganz auszumerzen, da man sich darunter immer einen Mann vorstellt, der eine gewisse mili- 176