ABSCHNITT 9.
ZEUGUNG. GEBURT. LEBENSGANG. TOD.
Außerordentlich viele Einzelheiten, welche in diesen Abschnitt gehören, sind in Band 3 durch die Missionare eingehend erörtert. Es soll daher hier nur ein zusammenfassender Überblick gegeben und einzelnes mitgeteilt werden, was ich in Gebieten erkundete, die in Band 3 nicht behandelt sind.
Während die Australier keine richtige Vorstellung über den Zusammenhang zwischen geschlechtlichem Umgang und Geburt haben, sind die meisten Papua hierüber unterrichtet, allerdings nicht alle. „Vereinzelte Frauen leugnen allen Ernstes den Zusammenhang zwischen geschlechtlichem Umgänge und Schwangerschaft“, berichtet Keysser in Band 3 S. 26. Als die Missionare in das Kai-Land kamen, wollten die Kai, um sich in jeder Beziehung zu bessern, den geschlechtlichen Umgang mit den Weibern unterlassen, weil sie denselben für etwas Schlechtes hielten. Sie erboten sich, die Weiber in besonderen Dörfern unterzubringen. Als man sie darauf aufmerksam machte, daß sie dann keine Nachkommen bekämen, meinten sie, die Weiber würden doch wohl Kinder zur Welt bringen.
Nach Vorstellung der Papua ist die Leistung des Mannes bei dem geschlechtlichen Umgänge nur von nebensächlicher Bedeutung. Die Frau bleibt der eigentliche Urheber des Kindes und hierauf begründet sich das allgemein verbreitete Mutterrecht. Der Tami sagt, der Vater reiße das Kind nur los, etwa so, wie man die Schale einer Kokosnuß losreißt. Das Kind ist also nach seiner Vorstellung fertig vorgebildet im Mutterleibe und wird durch den Koitus nur aus seinen Fesseln befreit. Zusammengehörig ist daher, nicht was denselben Vater hat, sondern „was aus demselben Loche kommt“.
ln Sissanu liegt das Weib beim Umgänge mit angezogenen Beinen auf dem Rücken; der Mann hockt vor demselben.
Auf Tami gilt es unter Eheleuten nicht für anständig, den Beischlaf bei Tage auszuüben, sondern es geschieht nachts in der Hütte. Bei außerehelichem Verkehr wartet man natürlich nicht auf den Einbruch der Nacht, sondern nutzt auch jede Tageszeit aus. In Sissanu, wo Männer und Weiber getrennt wohnen und zwar mehrere Weiber mit ihren Kindern in einer großen Hütte, geht der Mann nachts in die Hütte, wo seine Frau wohnt. Da es irgendwelche Vorhänge oder Scheidewände nicht gibt, bleibt den Augen der Kinder das Liebesieben ihrer Eltern nicht verborgen und sie spielen von frühester Jugend an Mann und Frau (Bd. 3 S. 31).
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