ABSCHNITT 8.
VORBEVÖLKERUNG.
Bei Stämmen, die überhaupt keine Geschichte besitzen und deren Erinnerung über knapp hundert Jahre zurückreicht, von einer vorgeschichtlichen Bevölkerung zu reden, wäre ein Unding. Wir wollen uns daher der Bezeichnung „Vorbevölkerung“ bedienen für diejenigen Leute, welche vor der jetzigen Bevölkerung im Lande lebten.
Bestimmte Anhaltspunkte für eine Vorbevölkerung haben wir an den bereits ausführlich besprochenen Pygmaeen. Die Rückerinnerung an diese Zwerge lebt im Aberglauben und in vereinzelten Erzählungen fort. So berichtet Stolz (Bd. 3 S. 247), daß in den Vorstellungen der Leute um Kap König Wilhelm, also in einer Gegend, wo heute noch zahlreiche Rückschläge zum Zwergwuchs Vorkommen, Zwerge, die wie die übrigen Menschen dem Tode unterworfen sind, einen Geisterort bewohnen. Ferner lesen wir in den „Kirchlichen Mitteilungen“ (1892, Nr. 6 S. 47): „Die
Jabim wissen viel von Zwergen zu erzählen, die in Wäldern und Höhlen hausen. Zur Nachtzeit hört man, wie sie rufen und pfeifen. Nachts kommen sie auch an den Strand, um zu fischen.“
Ob die Reste einer Götterreligion (Bd. 3 S. 154), die sich bei den Kai in der Umgebung des Sattelberges finden, also ebenfalls in einer Gegend, wo die Pygmaeen ihre deutlichsten Spuren hinterließen, auf eine Vorbevölkerung zurückzuführen sind, entzieht sich der Beurteilung.
Die vielfach vorkommenden schlichten, welligen und rötlichblonden Haare brauchen nicht unbedingt auf eine Vorbevölkerung hinzuweisen, die in der jetzigen Bevölkerung aufging; es können dies auch Merkmale der verschiedenartigen später hinzugekommenen Stämme sein, aus denen sich die heutige Bevölkerung zusammensetzt.
Greifbarere Anhaltspunkte für das Vorhandensein einer Vorbevölkerung bieten vereinzelte ethnographische Gegenstände, welche mit der gegenwärtigen Bevölkerung nichts zu tun haben. Hier kommen zuerst in Frage die von mir entdeckten Steintröge, von denen sieben in Figur 51 abgebildet sind. Den ersten dieser Tröge (2 in Fig. 51) fand ich oben auf dem Sattelberge im Gehöft der Missionsstation. Dort lag er seit vielen Jahren und wer als Gast oben wohnte und von dem Fremdenhause nach dem Missionshause hinübergehen wollte, mußte beinahe über ihn stolpern; aber niemand nahm von ihm Notiz! Als ich die Aufmerksamkeit des Missionars Keysser auf dies seltsame Stück gelenkt hatte, erinnerte er sich sofort, 136