ABSCHNITT 6.
SPRACHEN UND VÖLKERSTÄMME.
Außerordentlich schwierig ist die Aufgabe, in das Völkergewirr von Neu- Guinea Ordnung zu bringen. Einen kleinen Anhalt bietet uns die Sprache. Aus den vielgestaltigen Sprachen von Kaiser-Wilhelmsland lassen sich zwei Hauptgruppen herausschälen: die melanesischen und papuanischen. Die papuanischen Sprachen werden von denjenigen Stämmen gesprochen, welche wir als die ursprünglichen Einwohner Neu-Guineas ansehen müssen, während die Stämme mit melanesischen Sprachen vom Norden und Osten her erwanderten. Die melanesischen Eindringlinge setzten sich an den Küsten oder auf den unmittelbar vorgelagerten Inseln fest und drängten die Leute, welche dort wohnten, in das Innere zurück, ohne daß durchgreifende Vermischungen stattfanden.
Daß wir über die Sprachenverhältnisse gut unterrichtet sind, verdanken wir lediglich den Missionaren, welche es als ihre erste Aufgabe betrachten, die Sprachen ihrer Schützlinge zu erlernen. Von den Beamten und weißen Ansiedlern hielt es niemand für wert, sich mit den Landessprachen eingehender zu befassen, und man bedient sich im Verkehr mit den Schwarzen des erbärmlichen Pidjin. Auch wissenschaftliche Reisende leisteten in Bezug auf Sprachen herzlich wenig und die von ihnen veröffentlichten, fehler- und lückenhaften Vokabularien geben nicht den geringsten Anhalt dafür, ob eine Sprache papuanisch oder melanesisch ist; vielmehr muß hierbei der. grammatische Aufbau berücksichtigt werden. Um sichere Aufklärung zu erhalten, ist aber langer, eingehender Verkehr mit den Schwarzen nötig. Bei einzelnen Sprachen liegen die Verhältnisse so verwickelt, daß die Missionare auch nach langjährigem Aufenthalte im Lande über gewisse Dinge nicht ins reine kommen konnten; erst durch ihre unter den Papuakindern heranwachsenden Kinder wurde vieles aufgeklärt. So konnten auf dem Sattelberge nur die Missionarskinder Aufschluß über feine Unterschiede in den Konsonanten geben.
Die melanesische Sprache ist eine Präfixsprache, d. h. das Zeitwort wird vorn verändert; die in ihrem Aufbau weit verwickeltere papuanische ist eine Suffixsprache, d. h. das Zeitwort verändert sich hinten; letztere hat auch besondere Verbalformen für Bedingungssätze. Fernerhin sind die Pronomina bei den papuanischen Sprachen reichhaltiger; durch in die Zeitwörter eingeschaltete Buchstaben und Silben kann der Papua z. B. ohne weiteres aus- 118