II.
Von der Nordsee bis Lissabon
VI in stürmischer Märztag in der Nordsee. Kalt ^ und schneidend pfeift der Wind aus Nordwest
— die wenigen Fahrgäste, die von der Seekrankheit verschont geblieben sind, lehnen mit blaugefrorenen Gesichtern an der Reeling und starren recht trübsinnig in die „Mordsee" — wie die Leute an der Wasserkante die Nordsee zu nennen Pflegen, wenn sie so gar ungemütlich sich geberdet — und suchen vergebens den richtigen Farbenton zu erspähen: Nicht grau und auch nicht grün, noch weniger blau erscheint die salzige Flut unter der graugelben Beleuchtung des ganz umwölkten Himmels. Hin und wieder, wenn eine hellere Wolke, vom flüchtigen Sonnenstrahl goldig umsäumt, in rasender Eile dahinjagt, tanzen helle Reflexe auf den rollenden Wogen und auch die schäumenden Kämme tragen dann für einen Augenblick funkelnd freundlichen Lichtglanz — sonst aber rollt in einförmigem bleifarbenem Ton die große Wasserwüste dahin, freudlos und nüchtern, weil Sonne und Farbenglanz am dunstigen winddurchtobten Märztage fehlen.
Die „Ipiranga", die jetzt in den mexikanischen Wirren vor Veracruz eigentlich den Anstoß zum Einschreiten der Jankees gab, weil sich Waffen für Huerta an Vord befanden, hatte Hamburg ganz spät am Abend verlassen. Vei ihrem großen Tiefgang konnte sie nur mit dem höchsten Wasserstand der Elbe zur See gelangen. Und da die Flut erst gegen 10 Uhr abends bei Hamburg ihren höchsten Stand erreichte, so fuhr unser vollbeladener Dampfer mit dem langsam wieder abfließenden Wasser der Clbemündung im nächtlichen Dunkel in bedächtigem Tempo zu. Nichts sah man von den sonst so schönen villengeschmückten Ufern bei Neumühlen und Klein-Flott- beck — wo Fürst Bülow jetzt sein Sommertuskulum hat,
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