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Hafenkolonien und kolonieähnliche Verhältnisse in China, Japan und Korea : eine kolonialpolitische Studie / von Ernst Grünfeld
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selbst zu sichern, gründlich überwacht werden, aber leider läßt der chinesische Polizeidienst viel zu wünschen übrig, wodurch die Zu­stände in der Niederlassung sehr zu ihrem Nachteil beeinflußt werden.

5. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik.

Die internationalen Niederlassungen sind ebensowenig die Träger einer Wirtschaftspolitik wie die Konzessionen. Über diesen Punkt ist daher hier fast nichts zu sagen, obwohl die Niederlassungen der Sitz eines regen Handels sind, und besonders Schanghai der größte Handelshafen Chinas ist, äußerlich schon dadurch kenntlich, daß es der Hauptsitz der chinesischen Seezollbehörde ist. Eine nationale Wirtschaftspolitik, wie in den Konzessionen, kann von den Gemeindeverwaltungen hier nicht betrieben werden; was geschieht, ist Vereinstätigkeit, die mit den Niederlassungen als solchen keine Beziehung hat. Es gibt und gab ziemlich einflußreiche fremde Handelskammern in Schanghai, Yokohama, Kobe und an anderen Orten, die aber, wie gesagt, ganz selbständig sind.

Wohl wirken die Niederlassungen als Börsen und Handels­märkte, aber sie haben dafür ähnliche Nachteile wie die Kon­zessionen, da sie den fremden Kaufmann auch dort, wo es ihm frei­steht, ins Innere zu gehen, von Volk und Land abschließen. Die chinesischen und japanischen Händler treten also als Mittelsperson zwischen dem fremden Kaufmann und dem einheimischen Händler ein, der Compradore in China, der Banto in Japan.

Nur in einer Hinsicht könnte man von einer wirtschaftlichen Rolle der Niederlassungen sprechen, das ist die, daß sie künstliche Wertsteigerungen ihres Grundes und Bodens hervorgerufen haben, besonders in Zeiten der Unruhe in China, wo viele Flüchtlinge zu­sammenströmten und die Grundbesitzer viel Geld verdient haben. Aller­dings sind nach Abzug der Flüchtlinge auch große Verluste ent­standen. Vielleicht hängt es mit den raschen Gewinnen, die in der ersten Zeit mit Bodenspekulationen gemacht wurden, zusammen, daß Schanghai noch heute einer der Hauptorte der Spekulation ist. Alle fremden Niederlassungen, Konzessionen und Kolonien in China waren übrigens mehr oder minder Zufluchtsorte für Chinesen in aufgeregten Tagen, und Grundstücksspekulationen sind in allen Niederlassungen vorgekommen, auch in Japan und Korea. Es handelt sich dabei um eine Kapitalsanlage, die in einigen Fällen durch besondere Steuer­vorteile sehr günstig wurde. So im Falle Japans, wo die fremden Grundstückspächter nach Bezahlung der allerdings nicht unbedeu­tenden Pachtsumme noch heute fast aller Steuern ledig sind.