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Hafenkolonien und kolonieähnliche Verhältnisse in China, Japan und Korea : eine kolonialpolitische Studie / von Ernst Grünfeld
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geleistet ist. Aber die Anregungen und Verdienstmöglichkeiten sind da, und es sind auch schon große Gewinne gemacht worden, die un­möglich gewesen wären, wenn nicht in der Kolonie ein fester Punkt geboten wäre, um den sich alles übrige anordnet.

7. Die kulturelle Seite.

Schule, Kirche und Druckerpresse sind ebensogut Bestandteile der Kultur, wie die Verwaltung und wirtschaftliche Tätigkeit, Militär und Marine. Wenn hier ein besonderer Abschnitt für einige kul­turelle Betätigungsgebiete vorbehalten ist, die nicht einmal alle mit Erziehung und Unterricht zusammenfallen, so geschieht dies deshalb, weil hier von der Kulturpropaganda gesprochen werden soll, die von den Hafenkolonien ausgeht. Daß die europäischen Ansiedlungen für China, ein fast verschlossenes Land, erfüllt von einer dem west­indischen Geist durchaus fremden Kultur, zu Vermittlern zahlreicher neuer Anschauungen und Erfahrungen werden mußten, ist leicht er­sichtlich. Da man aber dabei nicht stehen blieb, sondern von den Kolonien aus nicht nur deren Einwohner, sondern auch das Hinter­land, ja ganz China zu beeinflussen sucht, drängt sich die Frage auf, wieso sich die kolonisierenden Mächte die Rolle des Erziehers in einem Lande anmaßen, mit dem sie doch nur auf so kleinem Raum in Berührung getreten sind.

Auch wenn man es als gegeben annimmt, daß die Kolonial­politik der Gegenwart sich die Aufgabe stellt, bei ihrem Vordringen den Völkern der kolonisierten Gebiete von ihrer eigenen Kultur mit­zuteilen, um so der kolonialen Ausbreitung die Weihe einer Kultur­bewegung zu geben, so bleibt doch noch die Frage offen, wie sich die europäische Kultur zu der Chinas stellen soll, und welche Auf­gaben sich eine Kulturpropaganda in so kleinen Kolonien, die kein ganzes Volk, ja nicht einmal einen Stamm umschließen, setzen kann.

Die Kultur Chinas läßt sich nur mit der weniger Kolonialländer in Vergleich stellen. Bekanntlich galten die Europäer dem Chinesen bis vor kurzem selbst als Barbaren; es sind keine 20 Jahre her, daß eine halbwegs engere Fühlung Chinas mit dem Ausland und seiner Kultur überhaupt möglich ist, und auch heute noch vermögen hoch­stehende Chinesen, denen das europäische Geistesleben vertraut ist, den ideellen Gehalt unserer christlich-humanistischen Kultur mit trif­tigen Gründen abzulehnen 1 ). Gute Kenner der chinesischen Kultur

*) Vgl. Ku-Hung-Ming, Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen, Jena, 1911.