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Hafenkolonien und kolonieähnliche Verhältnisse in China, Japan und Korea : eine kolonialpolitische Studie / von Ernst Grünfeld
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bedenklich gelockert haben. Wiederholt wurden Klagen laut, wieder­holt die unglaublichsten Verbrechen bei hellem Tageslicht in den Straßen der Stadt verübt. 1869 mußte die Kolonie es sich gefallen lassen, daß der Sekretär der Internationalen Niederlassung in Schang­hai ihre Polizei als minderwertig im Vergleiche zu der Schanghais bezeichnete. Es scheint damals besonders arg gewesen zu sein, und der Gouverneur Mac Donnel, der bei seiner Ankunft eine Polizeimacht von 89 Europäern, 377 Sepoys und 132 Chinesen vorfand (etwa 1866), sah sich zu gründlichen Reformen genötigt, die besonders auf den Wechsel des Polizeipersonals, unter anderm Ersetzung der Engländer durch Schotten, hinauslief. Heute sind die Verhältnisse erheblich gebessert, doch hat die Bevölkerung von Hongkong noch immer keinen guten Ruf. Die Zahl der Polizeimannschaften hat sich von 1909 auf 1911 von 919 auf 1102 Mann gehoben. Unter diesen waren 134 Europäer, 399 Inder und 547 Chinesen (ohne Stäbe und Bureau­kräfte), von denen im Jahre 1911 64 durch Entlassung oder Desertion ausschieden.

In Kiautschau wird der Polizeidienst von einer Chinesentruppe besorgt, bei der im ganzen nur 20 deutsche Unteroffiziere und ein Stab von 10 Beamten und Unterbeamten eingeteilt sind. Uber den Sicherheitszustand der Kolonie hörte ich keine Beschwerde, besonders da die Einwohner von Schantung meist ruhige Leute sind und man in den ersten Jahren der Kolonialtätigkeit energisch aufgeräumt hat.

Schwierig ist die Aufgabe der Polizei in Kwantung. Die Nach­wehen des Krieges und die vielen Räuberbanden, die aus den be­nachbarten Gebieten der Mandschurei eindrangen, stellten sie vor eine schwere Aufgabe, der sie sich aber mit großem Eifer widmete. Dem Generalinspektor der japanischen Polizei in Dairen unterstehen auch die Polizeikräfte in der Eisenbahnzone und die den Konsulaten in der Mandschurei beigegebenen, zusammen 17 Offiziere und Beamte, 53 Unteroffiziere, 5 Dolmetscher, 760 japanische und 240 chine­sische Polizisten, davon 5 -f- 2 * + 2 + 376 + 240 in der Kolonie 1 ).

6. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik.

Die kleinen Kolonien in Ostasien werden gewöhnlich Handels­kolonien genannt, und damit soll der Handel die Erklärung und ge­wissermaßen den Rechtstitel für die Erwerbung und Behauptung der Kolonien abgeben, da unsere Zeit sich nun einmal verlegen und ver-

J ) Literatur wie oben. Der Stand der fremden Truppen in Nord-China nach dem »China-Boten«, Tientsin vom 1. November 1912. Die Angaben über die deutschen Truppen verdanke ich der Liebenswürdigkeit des deutschen Reichsmarineamtes.