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Hafenkolonien und kolonieähnliche Verhältnisse in China, Japan und Korea : eine kolonialpolitische Studie / von Ernst Grünfeld
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Vorwort.

Ein Aufenthalt in Ostasien in den Jahren 1910/12 brachte mich in Berührung mit den fremden Niederlassungen, zunächst in Japan, die trotz ihrer nur mehr inoffiziellen Existenz noch viel von dem alten Gepräge behalten haben und mir sofort lebhaftes Interesse für das eigentümliche Leben einflößten, das in ihnen herrscht und sie inmitten eines fremden Kulturkreises hervortreten läßt. In der Sprache des Alltags nennt man die Niederlassungen und Kon­zessionen, ja sogar die Kolonien Ostasiens meist unterschiedslos » Settlements«, und tatsächlich belehrte mich ein näheres Studium dieser Siedelungen, das ich später zu einem Besuch der meisten im folgen­den genannten Orte ausdehnte, daß sie alle gewisse gemeinsame Züge aufweisen. Das hat mich veranlaßt, auch in der vorliegenden Arbeit alle Siedelungen gemeinsam zu behandeln, allerdings unter Hervor­hebung der drei Typen: Kolonien, Konzessionen und Niederlassungen, die dieselbe Erscheinung in verschiedener Form verkörpern.

Das Ergebnis meiner Beobachtung erschien mir deshalb einer Niederschrift wert zu sein, weil es an anderen Veröffentlichungen darüber gebricht. In deutscher Sprache gibt es überhaupt keine kolonialpolitische oder kolonialgeschichtliche Literatur, die sich diesen Fragen widmet, aber auch in anderen Weltsprachen ist die Ausbeute nur sehr spärlich, wie die Quellennachweise im Text dartun. Selbst über die Kolonien, auch die älteren, fehlt es an gründlichen Arbeiten, und die Geschichtswerke, denen ich meine Daten entnehmen mußte, entbehren zum Teil eines wissenschaftlichen Charakters. Leider sind diese Fragen nicht die einzigen, in der die europäische (auch die deutsche) Wissenschaft dem Osten die genügende Beachtung schuldig geblieben ist.

Ich war bei meinen Nachforschungen in der LIauptsache auf den Augenschein und persönliche Erkundigungen, sowie auf die in Betracht kommenden Drucksachen und die Tagespresse angewiesen und habe es oft nicht leicht gehabt, über Dinge, von denen ich an­genommen hatte, daß sie jedem Interessierten vertraut wären, den wahren Sachverhalt zu erfahren. Bei der Natur des mir zu Gebote stehenden Materials ist es nicht zu vermeiden gewesen, daß hie und da Lücken nicht ausgefüllt und Fragen offen bleiben mußten. Da möglicherweise falsche Informationen mit untergeschlüpft sind, die ich nicht hatte nachprüfen können, werde ich für Berichtigungen jeder­mann dankbar sein.