328 Siebentes Kap.: Einfluß des deutschen Elements auf Gesellschaft u. Kultur.
Geheimnisvollen und die Tiefe der Empfindung auf die deutsche Romantik hin. Noch deutlicher unter dem Einfluß eines einzelnen deutschen Autors, nämlich E. A. T. Hoffmanns 1 , der den krassesten Realismus so wirkungsvoll mit dem Übernatürlichen zu vereinen weiß, steht Edgar Allan Poe. Die Vorliebe für Schiller 2 begann schon früh im 19. Jahrhundert und trug wesentlich dazu bei, Sympathie für deutsche Literatur im allgemeinen zu erwecken. Gegen Goethe wehrte man sich lange Zeit; dann aber hat die Beschäftigung mit ihm im selben Verhältnis zugenommen wie in Deutschland. Vor allem läßt sich Goethescher Einfluß bei dem eigenartigsten und kühnsten aller amerikanischen Dichter, Walt Whitman, nachweisen, der ganz ohne Zweifel ein tiefes Interesse für die deutsche Literatur hegte. 3
C. Skizzenzeichnung und Karikatur.
Die heute so hoch entwickelte künstlerische Illustration von Büchern und Zeitschriften ist hier in Amerika kaum mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Karikaturen begegnet man schon etwas früher. Während des Sezessionskriegs tauchte der eigentliche Begründer der Skizzen-
1 Vgl. Gustav Gruener, Notes on the Influence of E. T. A. Hoffmann upon Edgar Allan Poe. Publications of the Modern Language Association of America, Bd. XIX, Nr. 1. Neue Folge, Bd. XII, Nr. 1, 1904. Ebenso Palmer Cobb, The Influence of E. T. A. Hoffmann upon the Tales of Edgar Allan Poe, Studies in Philology, Bd. III, Chapel Hill. Herausgegeben von der Universität Nord-Carolina. Universitäts-Druckerei, 1908. Diese Untersuchungen kommen zu dem Schluß, daß Poe manche seiner Stoffe, vielleicht vieles von seiner stilistischen Art aus Hoffmanns Erzählungen entlehnt hat. Wahrscheinlich las Poe Deutsch, wennschon ihm dieser Einfluß ebensowohl durch englische und französische Übersetzungen vermittelt sein kann. Jedenfalls war er als Herausgeber einer Zeitschrift und als Schriftsteller mit der deutschen literarischen Bewegung vertraut.
2 Vgl. German-American Annais, Bd. III und IV. Auch Wieland erwarb sich in Amerika Freunde; so gehörte John Quincy Adams, sechster Präsident der Vereinigten Staaten, der eine vollständige Übersetzung von Wielands „Oberon" verfaßte, zu seinen Bewunderern. Adams Übersetzung wurde Wieland zur Begutachtung vorgelegt, „der Sotheby (der ebenfalls gerade eine englische Übersetzung veröffentlicht hatte) die Palme der Poesie und mir die der Treue zuerkannte". Siehe Letters of J. Q. Adams to Charles Folien, zitiert bei Wilkens, a. a. O. S. 44.
3 Vgl. Richard Riethmüller, Walt Whitman and the Germans. German-American Annais, Neue Ausgabe, Bd. IV, Nr. 1—3. Auch E. Thorstenberg, The Walt Whitman Cult in Germany, SewaneeReview, Januar 1911.