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XVI. Über die Sprachen der Tatoga und Irakuleute.
(Mit einer Kartenskizze der hamitischen Sprachgebiete in Äquatorial-Ostafrika.)
Von Bernhard Struck . 1
Nur noch wenige Gebiete größeren Umfangs o-ibt es in Afrika, wo die Sprachwissenschaft, und zwar zunächst in ihrer Eigenschaft als Hilfswissenschaft der Völkerkunde, auch mit primitiven Mitteln bereits wichtige Fragen anschneiden und wesentliche Ergebnisse gewinnen kann. Im mittleren Teile des Kontinents sind hierzu bemerkenswerterweise in erster Linie gerade diejenigen Länderstrecken zu zählen, in denen eine genaue Kenntnis der linguistischen Verhältnisse auch für die landes- und volkskundliche Forschung zum mindesten als höchst erwünscht bezeichnet werden muß, wo nämlich im Westen, kurz gesagt, die Bantu-Sudangrenze noch der Aufklärung harrt (in Adamaua) und im Osten ganz im Gegensatz zu der durch einheitliche Königstraditionen leicht zu übersehenden Bahimaexpansion im sogenannten abflußlosen Gebiete eine Hamitenintrusion vor uns liegt, deren verschiedene Phasen man infolge der gründlichen Auflösung dieser Völkermasse in geographisch, politisch, ja auch sozial wohlgeschiedene Einzelteile im wesentlichen nur auf linguistischem Wege wird anfangen können zu studieren. Die Rückständigkeit der linguistischen Erkenntnis ist in diesen Fällen das gemeinsame Ergebnis sowohl der geringen praktischen Bedeutung der Sprachen, wie sie angesichts von so ausgezeichneten Verkehrsmitteln gleich dem Suaheli bzw. Ful so gut wie selbstverständlich ist, als auch der geringen Kopfzahl dieser wirtschaftlich, unzugänglichen und vorläufig unbedeutenden Eingeborenenstämme. Was überdies die Gegend der Bruchstufe betrifft, so erscheinen auch die jüngst dort errichteten katholischen Missionen noch zu jung und zu sehr von äußeren Arbeiten in Anspruch genommen, um schon sprachliche Ergebnisse von ihnen erwarten zu können. Nachdem ich daher vor kurzem über einige Ergebnisse meines zur ersten Erforschung der Adamauasprachen ausgegebenen Fragebogens einen wenigstens vorläufigen Bericht erstatten konnte, 2 ) freue ich mich, an dieser Stelle auf die Aufforderung Dr. J a e g e r s hin auch über das östliche Gebiet ähnlicher Probleme einige Mitteilungen machen zu können, wenn auch das eigentliche Ziel dieser Untersuchungen — eine kritische Bearbeitung des Namenmaterials der J a e g e r sehen
d Für die linguistische Bearbeitung der Namen meiner Karten und für diesen Beitrag sage ich Herrn B. Struck herzlichen Dank. F. Jaeger.
2 ) Zeitschr. f. Ethnol. XLII (1910), S. 444—45°-
Karte — teils infolge quantitativ wie qualitativ dafür ungenügender Beschaffenheit des Materials, teils durch außerhalb von Material oder Bearbeiter liegende Hindernisse nicht erreicht worden ist.
Von den Materialien, die mir für die Untersuchung der I atoga- und Irakusprachen zu Gebote standen, sind in erster Lime Aufzeichnungen von Dr. Jaeger zu erwähnen, kleine Vokabelsammlungen, die mir aber gerade für die Phonetik gute Dienste geleistet haben. Für Iraku habe ich sonst nur noch einige wenige nach Aufzeichnungen W e r t h e r s , Glaunings und Merkers in den Katalogen des Kgl. Museums für Völkerkunde angegebene Wörter benutzen können, während für Tatoga bereits einzelnes gedruckt ist:
1. J. T . L a s t, Polyglotta Africana Orientalis. London 1885. Nr. 45, Tatüru S. 25 f., 188 f., 231.
2. O. Bau m ann, Durch Massailand zur Nilquelle. Berlin 1894. VII. Sprachproben. Tatoga (Kitaturu) S.366, Zahlwörter auch S.193L Von den Texten läßt sich vorläufig nur der erste genügend analysieren, so daß ich ihn für Formenlehre und Wörterverzeichnis habe ausnutzen können.
3. W. W e r t h e r , Die mittleren Hochländer des nördlichen Deutsch - Ostafrika. Berlin 1898. Wörterverzeichnis aus der Sprache der Wata- turu (Tatoga) S. 490 bis 493.
4. Kannenberg, Reise durch die hamitischen Sprachgebiete um Ivondoa. Mitt. a. d. Dtsch. Schutzgeb. XIII (1900), S. 144 bis 172. Die hier gegebenen sprachlichen Notizen sind nur ein Auszug aus an A. Seidel übergebenen, nie veröffentlichten umfangreicheren Aufzeichnungen (s. Ztschr. f. afr. u. oz. Spr. V, S. 165). Stuhl man ns Juni 1892 in Kondoa-Irangi
niedergeschriebenes Vokabular ist leider verloren gegangen (Mit Emin Pascha, S. 805), dagegen konnte ich noch eine Anzahl von Merker aufgezeichneter Namen von ethnologischen Gegenständen, sowie einige in der Literatur verstreute Notizen verwerten.
Die Beschaffenheit dieses Quellenmaterials, das sich zwar unter sich und durch den Vergleich mit den verwandten Sprachen nicht unglücklich ei- gänzt, aber doch nicht systematisch und mit Sach- ^ kenntnis vorgenommenen Aufzeichnungen gleichgeachtet werden darf, ist eine solche, daß jedenfalls das vergleichende Wörterverzeichnis sowohl als