IV.
East London, 13. Juni 1908.
Straussenzucht in Oudtshoorn. — Ratschläge für Damen beim Einkauf von Straussenfedern.
Die verflossene Woche hat eine solche Fülle von Eindrücken gebracht, dass es notwendig ist, sie festzuhalten. Sonst verblasst das Gesehene durch das neu Hinzukommende und kann nicht mehr genügend scharf zu den späteren Vergleichen mit unsern deutschen Kolonien herangezogen werden. Ich widme daher diesen Brief nicht, wie ich beabsichtigte, der Besprechung der wirtschaftüchen Verhältnisse von Kapstadt, sondern werde auf die Ursachen der Kapstädter Kalamität erst in einem der nächsten Briefe zurückkommen.
Eins der wichtigsten Ausfuhrgüter Südafrikas sind die Straussenfedern. Im vorigen Jahre betrug ihr Wert rund 37 Millionen Mark. Der Distrikt Oudtshoorn in der kleinen Karin ganz im Süden der Kapkolonie kann wohl als der Mittelpunkt der Straussenzucht angesprochen werden. Die Anzahl der dort gehaltenen Vögel wurde mir auf 100 000 angegeben. Ueber Mossel- Bay sind im Jahre 1907 für 16 Millionen Mark Federn ausgeführt worden, die meist aus Oudtshoorn stammen. Dazu kommen noch die Federn, die über Port-Elizabeth, dem Hauptsitz des Straussen- federhandels, nach London gingen.
In Deutsch-Südwestafrika hatte man vor dem Aufstand mit der Straussenzucht begonnen, da der Vogel dort wild vorkommt und die Verhältnisse des Landes vielfach denen des Britischen Südafrikas ähneln. Der Krieg hat diesen Versuch wie alles andere vernichtet. Jetzt hat man aber die Zuchtversuche wieder aufgenommen. Oudtshoorn aufzusuchen und seine Verhältnisse kennen zu lernen, war unter diesen Umständen nicht unwichtig. Zunächst führt die Eisenbahn in 22stündiger Fahrt von Kapstadt nach dem Hafen Mossel-Bay, von wo hauptsächlich Federn und Wolle verschifft werden.
B o n g a r d , Dernburg. 2