Druckschrift 
Staatssekretär Dernburg in Britisch- und Deutsch-Süd-Afrika / von Oskar Bongard
Entstehung
Seite
6
Einzelbild herunterladen
 

11.

Im Atlantischen Ozean, unter dem Aequator, an Bord des

»Kenilworth«, 25. Mai 1908.

Aequatorhitze. Madeira. Zurückgebliebene Passagiere. Verlassene Kinder. Erlösung. Eine rabiate kleine Frau. Sportübungen und Vergnügungen.

Berichterstatter sein ist oftmals ein hartes Los. So auch hier an Bord des »Kenilworth«. Während die anderen Passagiere in geradezu protziger Faulheit sich in der Aequatorhitze auf den Schiffsstühlen lümmeln die Herren ohne Rock, die Damen in möglichst durchsichtigen und durchbrochenen Blusen, die weit mehr als »ahnen« lassen, treibt das Pflichtgefühl mich an den Schreibtisch, um als getreuer Chroniste zu berichten, was sich seit Madeira ereignet hat. Zunächst muss ich aber noch feststellen, dass die Hitze auf dieser Fahrt nicht im entferntesten an die der vorjährigen Reise nach Ostafrika heranreicht. Wenn ich an das Rote Meer, diesen Höllenpfuhl, zurückdenke, mit allen seinen Schrecken, den schlaflosen Nächten, dem roten Hund, dem ewigen Schwitzen und unlöschbaren Durst, so komme ich zu dem Er­gebnis, dass die vorjährige Seefahrt sich zur diesjährigen verhält wie ein Dampfbad zu einer Rodelpartie.

Die Insel Madeira liefen wir am 20. Mai gegen Mittag an. Zum dritten Male sah ich dieses herrliche Stück Erde, nnd doch entzückte mich der malerische Anblick genau so, wie das erste Mal. Zwar fehlte der liebliche Blumenduft, den sonst laue Lüfte zum Schiffe herüber getragen hatten, aber die gewaltigen, wilden und zackigen Felsen und als Gegensatz das friedliche Bild der an grünende, blühende Bergeshänge sich anschmiegenden Hafenstadt Funchal wirkten genau auf mich ein wie früher. Ehrfurchtsvolle Scheu ergreift den fühlenden Menschen, wenn die Schönheit oder Gewalt der Natur sich ihm offenbart. Stumme, staunende Be­wunderung steigt aus unserem Innersten auf und führt uns empor