Druckschrift 
In den Wildnissen Afrikas und Asiens : Jagderlebnisse / von Dr. von Wissmann. Mit 28 Vollbildern und 42 Textabb. von Wilhelm Kuhnert
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Steinböcke.

Sinai-Steinbock.

Für den Jäger ist wohl alle Tage Jagdtag, nicht aber Schießtag. Ich bitte daher den Leser, um ihn mit einem seltenen Wild bekannt zu machen, die Erzählung meiner Jagden auf den Stein­bock anzuhören, wenn sie auch nur von geringen Erfolgen be­richten kann.

Wir steigen heute in der Erinnerung auf zu den höchsten Gipfeln verschiedener Gebirge, dem Standort des Wildes, das mich so viele karg belohnte Mühe gekostet hat, des Steinbockes. Nicht vom europäischen oder besser gesagt Alpensteinbock, der nur noch, in den Jagdgründen des Königs von Italien*), in den wilden Gebirgen des Monte Rosa lebt, will ich berichten, sondern von drei anderen Arten der Familie, dem Sinai-Steinbock, dem Altai-Bock und einem, der in den Gebirgen, die die weiten Wüsten und Steppen Turkistans im Süden begrenzen, lebt, und meiner Ansicht nach derselbe ist, den wir Himalaya-Steinbock nennen.

Zunächst möchte ich im allgemeinen erwähnen, daß die Behauptung, der Stein­bock lebe nur in den allerhöchsten Lagen der Gebirge über dem Gebiete der Wild­schafe, die ebenfalls niemals in die Waldgürtel hinabsteigen, nicht zutrifft.

Daß er nur ausnahmsweise die nackten, steinigen, baumlosen Höhen verläßt, ist sicher; daß er aber mit den Wildschafen in denselben Gebieten steht, ja, wenn der Rothirsch, wie er es in den Gebirgen Asiens tut, über die Waldgrenze hinaufsteigt, diesem begegnet, habe ich selbst gesehen.

Es ist weniger die Höhe, die seinen Aufenthalt bedingt, als die Bewachsung des Bodens, weil seine Hauptäsung Pflanzen sind, die nur in den offenen, steinigen Ge­birgen und auf fast nackten Hängen zu finden sind.

Wo die Hänge der Gebirge aus irgendwelchem Grunde unbewaldet sind, steigt der Steinbock auch viel tiefer als bis zur Waldgrenze herab. In Europa tut er dies aber, wo wir ihn zu beobachten Gelegenheit haben, aus dem Grunde nicht, weil er so verfolgt wird, daß ihn die Klugheit lehrt, nur die unzugänglichsten Höhen zu halten.

Geistig steht der Steinbock vielleicht über den Wildschafen, den Mitbewohnern der höchsten Spitzen der Gebirge der alten Welt, und muß ein kluges, vorsichtiges

*) In Neumarktl in Oberkrain hat Freiherr von Born scheinbar mit gutem Erfolge Abkömmlinge dieses Steinwildes und auch das interessante Mähnenschaf Nordafrikas in freie Wildbahn ausgesetzt. Möchten doch solche Versuche Nachahmung finden.