Teil eines Werkes 
Bd. 1 [H. 1-3] (1906) Der Feldzug gegen die Hereros
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Der Feldzug gegen die Hereros.

Gemeinsam mit den benachbarten Gebieten Südafrikas, die auch in sonstiger Beziehung viele Ähnlichkeiten aufweisen, sind dem Lande die großen und plötzlichen Temperaturschwankungen. Während die außerordentlich starke Abkühlung bei Nacht das Thermometer stellenweise unter den Gefrierpunkt sinken läßt, wird die Tages­hitze so stark, daß sie größere Anstrengungen in der Mittagszeit verbietet. Beispiels­weise betrug in der Gegend von Oparakane in der Nacht vom 9. zum 10. September 1904 die Temperatur 9° d, während sie am Mittag des vorhergehenden Tages -j- 40° Q. betragen hatte. Daher sind die Truppen für ihre Märsche auf die frühen Morgenstunden und die späteren Nachmittagstunden angewiesen. Die Hitze bei Tage wird durch die hohe Lage des größten Teils des Schutzgebiets und die gute trockene Luft erträglich gemacht. Die mittlere Jahrestemperatur des Nama- und Damaralandes entspricht ungefähr der des mittleren Italien, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, daß der Unter­schied zwischen Sommer- und Wintertemperatur gering ist, und die kalten Nächte die Durchschnittstemperatur niedriger erscheinen lassen. Der Unterschied zwischen Sommer und Winter liegt hauptsächlich darin, daß im Sommer die erwähnten Regengüsse niedergehen, während der Winter nahezu regenlos ist.

Eine besondere Schwierigkeit für den zum ersten Male im Schutzgebiet tätigen Soldaten liegt darin, daß die klare, durchsichtige Luft alle Gegenstände besonders in dem höher liegenden Gelände sehr viel näher erscheinen läßt, als sie es in Wirklichkeit sind. Frisch aus Europa kommende Truppen machen deshalb stets grobe Fehler im Entfernungsschätzen. So berichtet Oberst v. Deimling, bei seiner ersten Fahrt nach Karibik habe er es erlebt, daß ein im Entfernungsschätzen besonders ge­übter Offizier die Entfernung bis zu einem seitwärts der Bahn gelegenen Berg auf 3200 m geschätzt habe, während sie in Wirklichkeit über 7000 m betrug. Nur ununterbrochene Übung kann selbst die in der Heimat besonders gut ausgebildeten Offiziere und Mannschaften befähigen, in Südwestafrika auch nur annähernd richtig die Entfernung zu ermitteln.

Alle diese Schwierigkeiten, die einer europäischen Truppe durch die Eigenart des Landes erwachsen, lehren von neuem, iu wie inniger Wechselwirkung gerade bei kolonialen Unternehmungen Kriegsschauplatz und Kriegführung stehen.

3. Die militärische Lage vor Ausbruch des Herero-Aufstandes.

Die Das südwestafrikanische Schutzgebiet, an Flächeninhalt dem Deutschen Reiche um

Schutztruppe. ^ Hälfte überlegen, war vor dem Ausbruch des Aufstandes von einer schwachen Schutztruppe besetzt, die, unter Abrechnung der Beurlaubten und Dienstunbrauchbaren, 27 Offiziere, neun Sanitätsoffiziere, drei Veterinäre, einen Zahlmeister, 729 Mann und etwa 800 Pferde zählte. Sie zerfiel in eine Polizeitruppe und in eine etwa 500 Mann starke Feldtruppe. Die Ausdehnung der Besiedlung und der Handelstätigkeit auf den größten Teil des Schutzgebiets mit Ausnahme des Ovambolcmdes bedingte nicht nur