Druckschrift 
Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten Deutsch-Ostafrikas ; mit 63 Bildertafeln, 1 Karte und einer Beilabge in Faarbendruck / von Karl Weule
Entstehung
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tieren konnte. In der Gesamterscheinung traf der Ton 24 etwa das Richtige. Weniger in seinem Farben­komplex als in seiner Physiognomie aus dem Rahmen seiner Landsleute heraus trat ein Makua, den ich am Schluß meines Aufenthaltes in Massassi photo- graphieren konnte. Er war der richtige Australier, nur daß die Ziernarben auf der Brust hier anders waren als am anderen Ufer des Indischen Ozeans, und daß die Augenbrauenwülste nicht über das Ge­wohnte des Negers hinausgingen (Taf. 3 Abb. la b). Über die Ziernarben soll an anderer Stelle besonders berichtet werden.

Der Polizeiposten Massassi liegt in wirtschaftlich außerordentlich günstiger Lage; der Boden ist das

fruchtbare Verwitterungsprodukt der benachbarten gewaltigen Gneiskuppen; an Wasser fehlts zu keiner Jahreszeit. Demnach befindet sich der gesamte Ost- und Südfuß jener Bergreihe weithin unter inten­sivster Negerkultur. Für den Handwerkslehrer Knudsen und auch für mich war der Aufenthalt gleichwohl nicht gesundheitfördernd; Knudsen hatte sich zweifellos schon an der Küste infiziert; ich selbst mußte befürchten, mir durch mein Wohnen in der, wie ich erst zu spät erfuhr, auch von Eingeborneri benutzten Rasthütte Rückfallfieber zugezogen zu haben. Anfang August mußte ich mich deswegen zu einem Ortswechsel entschließen.

Marsch nach Süden und Aufenthalt bei Matola.

Neben dem Jao-Häuptling Matola in Tschingulu- ngulu ist der Jao-Häuptling Nakaam in Tschiwata die bekannteste und meist genannte Persönlichkeit im Westen des Makondehochlandes. Tschiwata selbst lag mir zu sehr abseits; ich marschierte deswegen von Massassi aus gen Osten nach Mwiti, einer Ortschaft am Westrande des Plateaus, wohin Nakaam von seiner Residenz herunterstieg, um mit mir zusammen­zutreffen. Nakaam erhebt heute den Anspruch, ein reiner Jao zu sein, er stammt indessen ursprünglich von Makua ab und hat die Metamorphose zu dem Endzweck vorgenommen, um für vornehmer zu gelten. Über seinen ursprünglichen Machtbereich kann ich nicht urteilen; heute ist er wie auch Matola ein Akide im Solde der deutschen Regierung wie so viele andere Dorfhäuptlinge auch, nur daß Matola auch heute noch über Hunderte von Gewehrträgern und Lanzenwerfern verfügt, während die meisten anderen Akiden nur einen winzigen Heerbann hinter sich haben. Als Mensch macht Nakaam einen höchst intelligenten Eindruck; über den russisch­japanischen Krieg wußte er ganz gut Bescheid und war auch sehr wohl über deutsche und englische Verhältnisse unterrichtet. In Mwiti bewohnte er während meines Aufenthaltes ein außerordentlich stattliches Haus mit vielen Zimmern, das er sich am Beginn dieses Jahrhunderts von einem Baumeister von der Küste hat errichten lassen und das in seinen Türverzierungen sogar Elfenbeineinlagen aufweist. Über manche Sitte und manchen Brauch seines Volkes gab er mir bereitwilligst Auskunft, doch reichte seine Macht anscheinend nicht weit genug, auch meine ethnographische Sammlung in der von mir er­warteten Weise zu vergrößern; seine Untertanen

Mitteilungen a. d. D. Schutzgebieten. Ergänzungslioft 1.

brachten trotz aller Ansprachen und Befehle nur unwesentliche Kleinigkeiten.

Ein Gemisch echt menschlichen Mitgefühls und roher Barbarei ist nach Nakaam die B e h a n d 1 u n g 1 e p r a kranker W a j a o. Im südlichen Küsten­gebiet sind diese Unglücklichen heute auf einer ober­halb Lindi im Ästuar des Lukuledi gelegenen Insel untergebracht, woselbst sie von dem ärztlichen Per­sonal Lindis überwacht werden. Bei den Jao baut man ihnen eine Hütte tief im Walde, wo sie gänzlich isoliert leben, und wohin ihnen die Nahrung von An­gehörigen und Stammesgenossen gebracht wird. Droht die Krankheit in ihrem letzten Stadium eine üble Wendung zu nehmen, so bringt man dem Pa­tienten noch einmal recht reichlich Speise und Trank in die Hütte, verschließt dann dessen Haustür ganz fest von außen und überläßt den dem Tode Ge­weihten seinem Schicksal. Dieses Schicksal ist der Hungertod.

Die Heimat der reinen Jao, die Nakaam von unreinen streng unterscheidet, ist nach diesem Häupt­ling Likopoloe, ein Hügel (in Wirklichkeit wohl eine Hügellandschaft) im Gebiet von Chissi, auf portu­giesischem Gebiet zwischen Mataka und dem Unangu- hügel. Der Häuptling Mputa habe sie von dort ver­jagt, als Nakaams Mutter ein kleines Kind war, das auf allen Vieren kroch. Nakaam ist nach seiner Aus­sage das vierte Kind seiner Mutter; ich schätze ihn auf 40 bis 45 Jahre. Mputa ist damals im Ver­folg des Krieges bis zum Makuahäuptling Malija ge­zogen und hat ihn geschlagen; darauf ist Mputa zu­rückgegangen nach Chirobwe nahe dem Njassa und nahe bei der Landschaft Ujere. Nach Mputa kamen andere Makua und zersplitterten die Jao noch weiter.

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