Aufenthalt in Massassi.
Die Nähe Massassis kündigt sich schon aus weiter Entfernung durch die lange, nordsüdlich gerichtete Reihe seiner Gneiskuppen, bei näherem Herankommen durch die weite Ausdehnung seiner Felder an. Über die Inselberge des Südens von Deutsch- Ostafrika (Taf. 2, Abb. 1 und Taf. 9, Abb. 4) hat sich bereits Bornhardt in seinem genannten Werk ausführlich ausgelassen. Sie sind nach seiner Theorie das Ergebnis einer im Laufe langer, langer geologischer Zeiträume mehrfach wiederholten und dann in stets verschiedener Richtung" erfolgten Erosion und Ablation, die stets von frischem einsetzen konnten, nachdem der abgetragene Boden in einer spätem Periode wieder von neuem aufgeschüttet worden war. Diese Theorie erscheint mir vollkommen befriedigend; sie ist auch, soweit ich übersehen kann, ziemlich allgemein angenommen worden.
Landschaftlich wirkt die aus 4 hohen und 4 kleineren Gneiskuppen bestehende Reihe, deren höchster Gipfel, der Mtandi, 940 Meter absolute Höhe erreicht und die Ebene um 500 Meter überragt, einfach beherrschend; man fühlt sich unter ihrem Schutze förmlich geborgen vor dem Einerlei der endlosen Baumgrassteppe und genießt mit um so größerem Behagen die hier fast ständig wehende frische Brise, als auch an die Stelle des unproduktiven Urwaldes eine wahre Oase gut ausgenutzter Fruchtbarkeit getreten ist.
Heute unterscheidet man eine Missionsstation Massassi und einen Polizeiposten gleichen Namens. Dieser liegt am Südende der Bergreihe, wenige hundert Meter vom Südfuß des Tschironji entfernt, in einer flachen Mulde östlich der Gruppe Mkoma- hindo, Kitututu und Nambele, während die Missionsstation ihren gegenwärtigen Sitz unmittelbar unter der östlichen Steilwand des Mtandi aufgeschlagen hat.. Diese Missionsstation hat von allen ostafrikanischen Unternehmungen ähnlicher Art wohl die wechselvollste Geschichte; nach jeweiligen längeren Perioden friedlicher Tätigkeit erfolgen von Zeit zu Zeit Überfälle seitens der Wangoni, die stets eine Zerstörung oder Verlegung der Station zur Folge haben, und nachdem endlich die Wangonigefahr endgültig beseitigt ist, da vernichtet der Aufstand von 1905 von neuem die Früchte einer mehr als 30 jährigen aufopferungsvollen, wenn auch nicht übermäßig erfolgreichen Tätigkeit. Gegenwärtig waren die im Aufstand zerstörten Gebäude zum größten Teil notdürftig wiederhergestellt; dennoch schienen sich die beiden Missionare, die allen Deutschen im Lande bekannten Herren Porter und Carnon, nicht übermäßig wohl zu fühlen; wie ich anzunehmen
Grund zu haben glaube, nicht zum wenigsten wegen der großen Nähe der konkurrierenden katholischen Mission im Lukuledital.
Der Kaiserliche Bezirksamtmann und ich schlugen unser Lager bei dem Militärposten auf. Herr Ewer- » beck zog bereits am 21. Juli wieder an die Küste zurück zum Empfang der Reichstagsabgeordneten, während ich mich anschickte, mich mit dem Leben und den Sitten der Eingeborenen vertraut zu machen. Ethnographisch fesselnd war mir schon hier das Durcheinander der Spann meth öden beim Bogenschießen. Zu wiederholten Malen habe ich mit den Missionszöglingen wahre Schützenfeste veranstaltet; auffälligerweise schössen die kleineren Knaben ausnahmslos in der Art des europäischen Laien, d. h. sie zogen den Pfeil und damit gleichzeitig auch die Sehne mittels Daumens und Zeigefingers zurück. Diese Methode schließt einen wirksamen Gebrauch der Waffe tatsächlich aus, da die Sehne den beiden Fingern beim stärkeren Zurückziehen einfach entgleitet; man trifft also wohl das Richtige mit der Annahme, daß die heutige Jugend dort nicht mehr zum rationellen Bogenschießen angehalten wird. Bestätigt wurde mir dieses durch die ändere Erscheinung, daß alle älteren Individuen andere Spannweisen hatten, zürn großen Teil auch sicherer und besser schössen als die Missionsknaben. Aber was gar nicht in den gewohnten Rahmen unserer ethnographischen Schulweisheit paßt, das war die verblüffende Tatsache, daß ein und derselbe Schütze bald mit Ring- und Mittelfinger spannte, bald mit Ring-, Mittel- und Zeigefinger. Ob jemals hier im Süden scharfe ethnographische Grenzen zwischen den einzelnen Spannweisen bestanden haben, läßt sich nicht mehr nachweisen ; heute gehen diese Methoden jedenfalls noch schlimmer durcheinander als die verschiedenen Völkerschaften selbst.
Recht mäßig war es um die G e s u n d h e i t s - Verhältnisse der Eingebornen bestellt. Daß die Leute im Aufstandsgebiet sehr kümmerlich und halbverhungert aussahen, war keineswegs verwunderlich ; sie hatten monatelang im Busch gesessen, hatten nicht gesät und nicht gepflanzt und waren demnach jetzt so arm,* daß wir in Mtama fast in Verpflegungsschwierigkeiten geraten wären. Hier in Massassi war von einer Hungersnot nichts zu spüren; im Gegenteil, man konnte stundenlang zwischen den noch stehenden Feldern der Basi-Erbse und des Mhogo und den bereits abgeernteten Hirse- und Maisfeldern marschieren. Um so peinlicher berührte es den Neuling, wenn jeden Morgen eine lange Reihe von Patienten mit zum Teil handgroßen, veralteten und