66 Die Besiedlung der deutschen Ostalpenländer. - Tirol. Geschichte.
976) 1335 zufielen, festigte, was sie als Errungenschaft der Vorzeit überkommen hatte- an ihrem deutschen Charakter konnte bis in jüugste Zeit ein Zweifel uicht' bestehen. Die Regierung Maria Theresias und Josess II. bedeutete eine '^eit zielbewußter Germanisierung. Störend wirkte die Gegenreformation durch eine Verringerung der Bevölkerung, von der einseitig das deutsche Element betroffen wurde/) verhängnisvoll wurde die Erwerbung Lombardo-Venetiens; sie führte aus geistigem, politischem und wirtschaftlichem Gebiete zu einem völlig unfruchtbaren Verbrauch deutscher Kraft. Auch heute noch bietet neben der geistigen die bedeutende wirtschaftliche Ueberlegenheit der Deutschen die beste Gewähr für ihre Führerschaft. Alle besonnenen Kreise der einheimischen windischen Bevölkerung suchen selbst und willig den bisherigen engen Anschluß an sie zu wahren. Der Sprachenkampf und die Auswüchse leidenschaftlicher Erregung in der Art seiner Führung sind hier meist künstlich von außen hereingetragen. (Prof. M. ? angl. Berlin.)
IX. Tirol.
^. Geschichte.
«Vgl. H. I. Bidermann, Die Nationalitäten in Tirol und die wechselnden Schicksale ihrer Verbreitung, Stuttgart 1886. — W- Rohmeder. Das deutsche Volkstum und die deutsche Schule in Südtirol, Wien 1898.)
In der vorrömischen Zeit war das ganze mittlere Alpengebiet, vom Nord- bis zum Südsuße des Gebirges, also auch das heutige Tirol, von Völkerschaften verschiedener Art und Herkunft bewohnt, welche von den Römern unter dem Sammelnamen „Räter" zusammengesaßt wurden. Während der Dauer der Römerherrschast, d. i. von 12 v. Chr. bis gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr., wurde auch in Rätien den durch römische Legionen und Machtboten Beherrschten zugleich mit der römischen Verwaltung auch römisches Recht und römische Sprache (Vulgärlatein, I^in^us, rustiea) ausgezwungen. Eine Blutmischung, als deren Ergebnis etwa ein neues Volkstum, das der sog. „Räto- Romanen", zu betrachten wäre, vollzog sich jedoch während dieser sünf Jahrhunderte nicht. Die Räter konnten also auch die Grundlagen der körperlichen und geistigen Versassung ihres Volkstums bewahren; es ergab sich bei ihnen bloß ein Sprachenwechsel, der indes kein so vollständiger war, daß in den heutigentags noch von mehr als ^2 Million Menschen gesprochenen „ladinischen" Mundarten »Schweiz, Tirol, Nordost-Jtalien, österreichische Küstenländer) die alten (rätischen) Sprachbestandteile ausgetilgt worden wären. Deshalb sind auch die Bezeichnungen „Ladiner" und „Räto-Romanen" unzutreffend. Sie stammen aus einer Zeit, in welcher man der irrtümlichen Meinuug war, daß die Sprache das wesentlichste Rassenmerkmal sei.
Die große Völkerbewegung am Ausgange des Altertums wars Deutsche und Slaven in das Land. Die letzteren suchten sich hauptsächlich im oberen Drautal festzusetzen, waren indes bereits gegen Ende des 8. Jahrhunderts von den bajuvarischen Herzögen vollständig niedergeworfen und zurückgetrieben. Alemannen und Ostgoten, Langobarden und Franken steuerten zum Aufbau des deutschen Volkstums in dem Lande zwischen der Kussteiner und der Berner Klause, zwischen der Scharnitz und dem Gardasee bei, am zahlreichsten, nachhaltigsten und maßgebendsten jedoch die Bajuvaren, weshalb denn auch alle deutfch-tirolischen Mundarten der Gegenwart, einschließlich der sog. „mnbrischen"
) x5- Loserth, „Die Reformation und Gegenreformation in den innerösterreichischen Landern", Stuttgart 1898. — F. Jlwof, „Der Protestantismus in Steiermark, Kärnten,- Kram, vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart", Graz 1900, 300 S., 3,20 Mk-