Vorwort
Die deutschen Siedlungen im Gebiete des russischen Reiches sind von der deutschen geschichtlichen Forschung bisher kaum der Beachtung gewürdigt worden. Zwar haben sich deutsche Gelehrte seit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zu verschiedenen Zeiten mit Eifer der Geschichte des russischen Reiches und Volkes gewidmet. Aber die innerhalb der russischen Grenzen ansässigen Deutschen wurden höchstens einer beiläufigen Erwähnung gewürdigt, sofern- nicht einzelne unter ihnen, meist baltischer Herkunft, in die Geschichte ihres Adoptivvaterlandes entscheidend eingegriffen haben. So gibt es eine wirkliche wissenschaftliche Literatur nur zur Geschichte der Balteu, die sich selbst mit vorbildlicher Gründlichkeit um die Erforschung ihrer Vergangenheit bemüht haben.
Für die ausgedehnten, zusammenhängenden Bauernsiedelungen im Süden uud Südosten des russischen Reiches dagegen fehlen geschichtliche Darstellungen bis jetzt völlig. Sie selbst haben Männer der Wissenschaft kaum, auf historischem Gebiete überhaupt nicht, hervorgebracht. Erst der Weltkrieg hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Splitter des deutschen Volkstums gelenkt. Vom Untergang bedroht, haben sie zum erstenmal die verdiente Beachtung in der alten Heimat gefunden. Es ist ein Verdienst zahlreicher halb oder ganz populär gehaltener Kriegsschriften und Aufsätze, auf die Leiden jener deutschen Volksgenossen, die länger als ein Jahrhundert ihr Deutschtum rein bewahrt haben, hingewiesen zu haben. Aber gerade die Widersprüche und Unklarheiten, die sich in diesen aus dem Drang der Zeit schnell entstandenen Schilderungen finden, beweisen deutlich die Notwendigkeit, die Vergangenheit der deutschen Kolonien in Rußland durch geschichtliche Forschung aufzuhellen, soweit das in der gegenwärtigen Zeit überhaupt möglich ist
Denn man kann freilich die Frage aufwerfen, ob gerade jetzt der richtige Augenblick zu einem derartigen Unternehmen ist. Der brutale Vernichtungswille der zarischeu Regierung, der an den Grenzen des deutschen Reiches vor Hindenburgs Schlägen kehrt machen mußte, hatte sich um so rücksichtsloser gegen die wehrlosen Deutschen im Innern Rußlands gekehrt. Ein großer Teil des blühenden deutschen Lebens — wieviel, läßt sich heute noch uicbt völlig überschauen — ist durch das Euteignungsgesetz dem Ver-
Ein vortreffliches Beispiel für die Unkenntnis der Geschichte der Wolgakolonien bei Leute», die über sie schreiben wollen, gibt Zottmann, der auf Seite 99 „etwa eine halbe Million Deutsche" unter Katharina an die Wolga ziehen läßt.