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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Die Zeit der großen Aussiedlung

gebildet aus dem Erlös des mobilen und immobilen Vermögens der Waisen, das nicht selten auf Auktionen auf Kredit erstanden wurde, so daß die Waisen oft Jahrzehnte warten mußten, um zu ihrem Gelde zu kommen. Das wurde erst anders, als durch kaiserlichen Befehl vom 21. Dezember 1859 in jedem Bezirk eine Darlehens- und Waisenkasse gegründet wurde. Den finanziellen Grundstock für diese bildeten die Waisengelder, gewonnen aus der Versteigerung des Waisenvermögens, die jetzt nur gegen bar erfolgen durfte. Diese Waisenkapitalien bleiben den Kassen zur freien Verfügung bis zur Volljährigkeit der Waisen. Da Zu- und Abgang der Einlagen sich auf diese Weise fast völlig die Wage hielten, waren diese Gelder sehr geeignet, das Grundkapital der neuen Kassen zu bilden. Wie gesund diese Grundlage war, zeigte sich daran, daß die fünfzehn Kassen der Wolgakolonien im Jahre 1866, also sechs Jahre nach Eröffnung der ersten unter ihnen, bereits über ein Haben von nahezu dreiviertel Millionen Rubel verfügten, wovon etwa ein Zehntel den Reingewinn aus den Geschäften dieser wenigen Jahre dar­stellte. Dieser Erfolg ist um so bemerkenswerter, als die sehr primitive Ge­schäftsführung der Kassen dem Umfang der Geschäfte durchaus nicht ent­sprach. Sicherheit und Erfolg der Kassen beruhte vorläufig nur auf der sorg­fältigen Überwachung durch das Kontor. Jedenfalls verspürte man in dem ganzen wirtschaftlichen Leben der Kolonien bald ihren stärkenden Einfluß. Besonders die Besiedlung der Neuländereien ist durch sie wesentlich er­leichtert worden, wenn sie auch die Unterstützung der Aussiedler durch die Gemeinden nicht völlig zu ersetzen vermochten. Denn die Frist von höchstens zwölf Jahren bis zur Rückzahlung der vorgestreckten Kapitalien war für die Anlage einer Bauernwirtschaft auf Neuland viel zu kurz bemessen. Sollten diese Bezirkskassen wirklich als Landbanken dienen, so mußten sie, wie der gelegentlich der geplanten Aufhebung der Fürsorgekomitees 1866 nach Odessa berufene Kongreß von Kolonialbevollmächtigten forderte, auf eine breitere finanzielle Grundlage gestellt werden. Das konnte aber nur ge­schehen, wenn die Gemeindeabgaben, die dem Ansiedlungswerk dienen sollten, in vollem Umfang den Kassen zuflössen und je nach der Höhe des Geldbedarfs normiert wurden. Schwierig blieb vorderhand noch die Gewinnung genügend geschulter Bankbeamter aus den Kolonisten. Der Vorschlag von Klaus, in den Lehrplan der Zentralschulen einen Kursus in doppelter Buchführung aufzunehmen, widersprach doch der eigentlichen Aufgabe dieser Anstalten, Lehrer heranzubilden; zumal diese Aufgabe selbst schon nur unvollkommen gelöst wurde. Jedenfalls war die Frage der Wolostbanken wichtig genug, um eine lebhafte Diskussion in Kolonisten­kreisen zu erregen.

Drittes Kapitel

Kirche und Schule

Wie man sieht, spielen in dieser Periode der Wolgakolonien allgemein­wirtschaftliche Fragen eine bedeutende Rolle. Bei ihrer Erörterung be­merken wir zum erstenmal eine Art Gemeinschaftsgefühl aller deutschen

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