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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Die Gründung der Neukolonien in der Steppe

Die Folgen der Abwanderung haben sich in den Mutterkolonien bald bemerkbar gemacht. In Ustkulalinka sank die Einwohnerzahl in einem Jahre von 2041 auf 1235. In dem Rückgang der auf die einzelne Seele entfallenden DeMtinenzahl trat also ein Stillstand ein, wenn er auch noch nicht völlig aufhörte. Die wirtschaftliche Lage der alten Kolonien hat sich trotzdem nicht gebessert. Daran war weniger die finanzielle Belastung schuld, die die Abwanderung mit sich gebracht hatte, als das allmähliche Versagen des Bodens, der ohne Pflege rücksichtslos ausgesogen wurde. Allein diese Ursache hat damals noch niemand erkannt. Der beste Beweis dafür ist, daß auch in den Neusiedlungen von vornherein der wüsteste Raub­bau getrieben wurde.

Eine Statistik der gesamten Auswanderung ist nicht vorhanden. Sie ließe sich auch aus den Kirchenbüchern kaun: geben, da die Übersiedlung in die Neukolonien sich über etwa sechs Jahrzehnte erstreckte und so bereits überschnitt mit einer zweiten Auswanderungsperiode, deren Ziele in fernern Gegenden lagen. Schon in der Gründungszeit der Wolgakolonien war, wie erwähnt, die Vorstellung aufgetaucht, daß am Kaukasus besseres Land in milderem Klima, frei von den Unbilden der Steppe, zu finden sei, und hatte einzelne Familien veranlaßt, dort ihr Glück zu versuchen. Sie waren zugrunde gegangen oder in elendem Zustand zurückgekehrt. Aber der Fehlschlag war mittlerweile in Vergessenheit geraten. Auch hatten sich inzwischen die Verhältnisse zum bessern gewandt. Die ungebändigten Bergvölker des Kaukasus waren zur Ruhe gebracht. Längst gab es dort blühende deutsche Siedlungen, meist von Württembergern gegründet. Man stand mit ihnen wenigstens in kirchlichen Beziehungen. Geistliche waren von dort herübergekommen und hatten nähere Kunde mitgebracht. So beginnt seit der Mitte des Jahrhunderts die Auswanderung land­armer Kolonisten in den Kaukasus^). Zwischen 1860 und 1870 hat sie recht beträchtlichen Umfang angenommen. Von den alten katholischen Kolonien, aus denen wir allein darüber Zahlen besitzen, haben nicht we­niger als fünf zwischen 2 und 26 Familien dorthin entsandt. Ja sogar aus den Neusiedlungen (Marienfeld und Josephstal) haben einige nach kurzer Zeit ihren Wanderstab weitergesetzt und sind ihnen gefolgt.

Zweites Kapitel

Wirtschaftliche Reformversuche

Nicht der Zahl, wohl aber dem Werte nach wurden die Abgewanderten reichlich ersetzt. Denn in eben jenen Jahren hielten in der nächsten Nach­barschaft der Neusiedlungen im Samaraschen andre Deutsche ihren Einzug, die von fernher gekommen waren und eine überaus wertvolle Neuerwerbung darstellten: die M e n n o ni t e n. Bereits Katharina II. hatte im Jahre 1786 durch ihren Gesandten bei der Regierung in Danzig an die Mennoniten

Aus Ustkulalinka 1850, infolge einer Mißernte, doch kehrte die Hälfte auf halbem Wege wieder um.

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