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Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
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Einleitung

Die deutschen Kolonien im Südosten Rußlands, kurz die Wolgakolonien genannt, liegen in den heutigen russischen Gouvernements Saratow und Samara zu beiden Seiten des mächtigen Wolgastromes, der Lebensader Ostrußlands, der heute noch die einzige brauchbare Verkehrsstraße jener Ge­gend in nordsüdlicher Richtung darstellt. Der wirtschaftliche Mittelpunkt jenes Landes ist Saratow (etwa 150 000 Einwohner). Von hier an er­weitert sich die breite Talniederung allmählich zum kaspischen Becken. Aber noch machen sich die charakteristischen. Unterschiede beider Uferseiten ungeschwächt bemerkbar. Noch begleitet den Strom zur Rechten das Berg­ufer, das Wolgaplateau, das, kahl und buntfarbig, steil zum Strom hin ab­stürzt. Auf der Hochebene breiten sich wellige, fast baumlose Ackerflächen aus. Seltene Dörfer liegen an den geringfügigen Wasserläufen, die sich oft tiefe Betten zur Wolga hin gegraben haben. Zur Linken dagegen dehnen sich, nur wenig erhaben über dem breiten, sumpfigen Überschwem­mungsstreifen, den der Strom in jedem Frühjahr ausfüllt, die niedrigen Terrassen der sogenannten Wiesenseite aus, unübersehbare Ackerflächen von unendlicher Einförmigkeit mit dem vortrefflichen Weizenboden der Steppe. Die südlichste der Kolonien auf der Bergseite liegt etwa unter dem 50., die nördlichste unter dem 52. Breitengrade. Dazu kommt noch, ein be­trächtliches Stück stromabwärts am Wolgaknie, eine einsame deutsche Insel, die Herrnhuter Kolonie Sarepta. Die verschiedene Bodenbeschaffenheit der beiden Ufer hat je länger je mehr dem Charakter der deutschen An­wohner ihr Gepräge aufgedrückt.

Zu beiden Seiten der mittlern und untern Wolga, von Kasan bis Astra­chan, dehnte sich seit dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts das mongo­lisch-tatarische Reich der goldenen Horde mit der Hauptstadt Sarai aus. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts setzte das Vordringen der Russen in das Steppenland ein. Es bildet den zweiten Akt in der Aus­breitung des Russentums und ist im Unterschied von dem Vordringen im nordöstlichen Waldland in erster Linie ein staatlicher und erst danach ein völkischer und kultureller Vorgang/). Die tatarischen Reiche mußten erst im Kriege bezwungen werden, ehe der russische Ackerbauer den tatarischen Hirten verdrängen konnte. Das Ergebnis aber ist auch hier Angliederung an das russische Reich und Russifizierung. Seit der Unterwerfung der Chanate Kasan und Astrachan finden wir längs der mittleren Wolga eine

Hettner, S. 48.