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Die Studienreise des Staatssekretärs Dernburg nach Deutsch-Ostafrika / von Oskar Bongard
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XX.

Dar-es-Salaam, den 52. Gktober t907. 'Ansichten mld Wünsche des wirtschaftlichen Verbands der Nordbezirke (Fortsetzung).

Die Verhandlungeu des wirtschaftlichen Verbandes der Nordbezirke, welche in Tango, am 2. Oktober mit dem Staatssekretär Ternburg gepflogen wurden, werden der M,br;ahl der ^eier vielleicht ivenig inleressanl erscheinen, wir müssen ilmen aber unter Anlehnung an den Bericht der Deputation noch diesen Brief ganz einräumen, da aus ihnen eimnal die Politik hervorgeht, welche Ternburg einzuschlagen ge­denkt uud audererseits dariu die Lage iu Nsambara, über welche im Anschluß an die Ternbnrg-Reise viel geschrieben werden wird, oder schon geschrieben ist, be­leuchtet wird.

Als zweiter Puukt wurdeu vou der Deputation des Verbandes einige Wünsche in Verwaltnngsangelegenheiten vorgetragen. Der Verband hält es für sehr wichtig sür die wirtschaftliche Entwickelung der Kolonie, daß den Privaten ein größerer Teil an der Verwaltung als bisher eingeräumt würde. Die Mitglieder der Bezirksräte sollten iu geheimer Wahl gewählt und aus ihnen durch Wahl wiederum die außer­ordentlichem Mitglieder des Gouvernementsrats entnommen werden. Als dringend erwünscht wird betrachtet, daß der Gouvernementsrat und die Bezirksräte der höher eutwickelteu Bezirke nicht nur eine beratende, sondern auch eine be­schließe ude Stimme erhalten. Znr Vermeidung undurchführbarer Gesetze und Ver­ordnungen sollen vor Veröffentlichung wichtiger Erlasse GoUveruements- bezw. Bezirks­räte gehört werden. Um Stetigkeit in der Verwaltung zu erzielen, ist es unbedingt notwendig, daß die höheren Beamten der Bezirke weniger hänfig als bis­her gewechselt werden.

Den wichtigsten, die Selbstverwaltung betreffenden Wünschen des Verbandes stand der Staatssekretär ablehnend gegenüber. An der Hand von Zahlen legte er den geringen 'Anteil dar, den die europäische Bevölkerung in der Kolonie zu den Geldmitteln beistenere, deren Verwaltung mit beschließender Stimme für die Be- ;>rl-.-räte und den Gonvernementsrat gefordert würde. Höchstens über diesen kleinen Anteil könute den Bezirksräten das Bestimmungsrecht eiugeräumt werden. Heute würden die Mittel der Verwaltuug zum Teil durch die Eiugeboreuen, zum Teil durch die heimischen Steuerzahler und zum allergeringsten Teil durch die hiesigeu Europäer aufgebracht. Es sei also uicht gerechtfertigt, ihnen beschließende Stimme in der Ver­waltung dieser Gelder zuzubilligen. Die Frage der Wahl der Bezirksräte und des Gouveruemeutsrats sei diskutabel uud sollte in Erwägung gezogen werdeu. Auch sei der Wunsch gerechtfertigt, daß diese ^örversehaften und die Interessenten bei wichtigen ^eiei'.eu uud Erlassen gehört würden. Ter Wuusch nach Stetigkeit in der Verwaltung sei gerechtfertigt, ?ie häusige Verselmng der oberen Bezirlsbeamten sei ein Fehler, der noch Möglichkeit vermieden werdeu müsse.

Ale- druler Punkt der Verhandlnng wurden Einzelvorschläge über die ander­weile ^estselulng des Zolltarifs vorgetragen. Hierzu erklärte Deruburg. daß er auf die Tendenz der Abänderungsvorschläge uicht eingehen könne, da sie bezweckten, die Europäer nach Möglichleil zu entlasten, die Eingeborenen dagegen fast ausschließ­lich ;u belasten, ?er eiue oder andere nebensächliche Pnnkt sei diskutabel, aber im allgemeinen müsse er von einer Turchbrechung der bestehenden Zollordnnng absehen.

Verbessernng des Schiffs- nnd Frachtverkehrs bildete den weiteren Gegen­stand der Verhandlung. Da die gegenwärtig in Tanga bestehenden Pieranlagen bei weitem uicht mehr genügen nnd bei der zn erwartenden Erweiterung des Verkehrs sich al5 ungenügend erweisen, ist der weitere Ausbau der Hafen- und Zollanlagen dringend uud auch bereite- vom Gonvernement geplant. Der Wuusch des Verbandes geht da­hin, daß vor Beginn der Vorarbeiten erst die Kaufleute uud die Verlader gehört uud wegeu der Dringlichkeit der Sache die nötigen Schritte möglichst beschleunigt werden

Bonquvd, Dcrnburst? Studieincise. 5