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Über die Grenze!
i.
Ein Kr. S.
In Hanapan war's, am 29. April 1906. Pferde, Maultiere, Ochsen, Bockics und was sonst so alles zum afrikanischen Haushalt gehört, waren gerade von der Weide zurückgekehrt.
Die Mannschaften zogen müde und abgespannt nach ihren Pontoks, um dort ihr kärgliches Abendessen einzunehmen. Wir Offiziere hatten nns gerade zum einfachen Abendbrot vor das Farmhaus gesetzt. Alles sehnte sich nach Nuhe.
Doch kaum war der erste Bissen getan, da sah man auch schon von weitein eiligen Schrittes den „Helimann", die Ordonnanz der Signalstation, mit den bewußten roten Zetteln kommen.
Was wird der bloß wiederbringen! Ein Xr. ä.? (d. h. ein dringendes Kriegstelegramm). Werden wir abrücken müssen? Noch diese Nacht? Wir alle? Oder nur eine Patrouille?
Jetzt war er heran! „xxx" d. h. sehr eilig; voll Spannung erfahren wir den Inhalt. Also: „Etwa 50 Hottentotten haben in der Nacht vom 27. zum 28. die Pad Klippdamm—Witpan in östlicher Richtung — also nach der Grenze zu — überschritten; Mo- renga selbst wolle noch in dieser Nacht Klippdamm überfallen, er stehe mit 180 Mann nicht weit davon."
„Wachtmeister Thiem!" Da kam er auch schon, dieser prächtige, brave Ostpreuße, den die Leute seiner Batterie nicht nur fürchteten, sondern auch liebten — gerade so wie's sein muß. „Also, Wachtmeister, Hottentotten bei Klippdamm, da müssen wir hin, noch diesen Abend — hilft alles nichts — jetzt ist's 6,30 Uhr, um 8,30 Uhr geht's los mit allen verfügbaren Mannschaften usw. usw." Na, viel brauchte ich dem nicht zu sagen — Thiem macht alles! Die Maschine war in Gang, war doch alles für einen plötzlichen Abmarsch jederzeit bereit. — Mit dem schönen Abendfrieden wurde es, wie so oft schon, auch diesmal nichts.
Klippdamm war natürlich nicht überfallen. Wir erfuhren jedoch, daß die Hottentotten die Grenze bereits überschritten hätten; auch erreichte uns hier ein Heliogramm des Oberstleutnants von Estorff: „Feind mit äußerster Energie verfolgen, so lange, bis englische Polizei Bande stellt." „M. W." — „machen wir", dachte jeder! Von Klippdamm aus ging's mit den Leuten der 7. Batterie weiter südlich; 1. und 5. Etappenkompagnie folgten später.
Da — es war am 1. Mai nachmittags, als wir gerade, mit tiefer Nase Spuren suchend, die Grenze entlang zogen —, kam plötzlich aus dem Englischen ein Bur andauernd winkend auf uns zu galoppiert und teilte mit, er habe Morenga mit etwa 50 Bewaffneten gesehen; er sei gerade im Begriff gewesen, in westlicher Richtung abzurücken.
Aber Morenga heute abend noch zu folgen, war nicht möglich, die Sonne ging bald unter. Am nächsten Morgen, da ging's los — und was war das für ein Marsch!
Bald im schweren Dünengelände bergauf bergab, dann wieder auf steinigem Boden, fo ging's den ganzen 2. und 3. Mai 1906. Voran als Spitze, zusammen mit einem Buren, einem Eingeborenen und einigen Reitern, der als guterSpurensucher bekannte Oberleutnant von Davidson.
Bald ging der Proviant aus — wir hatten nur das Notwendigste mitgenommen —, da hieß es „Kohldampf schieben"); aber das hatten wir ja gelernt; auch fanden sich genug Tschammas vor.
So ging's immer dicht an der Grenze entlang, bis plötzlich am 4. Mai die Spur nach Osten umbog. Was? Sind die Kerls wieder ins Englische hinüber? Bloß um nachher, wenn die Luft rein, ausgeruht bei uns wieder zu erscheinen und „Dütschmann" auszulachen!? Sollten wir nach diesen Anstrengungen alles aufgeben, bloß wegen dieser papiernen Grenze? Nein! das gab's
') „Kohldampf schieben" ist ein von den Leuten viel gebrauchter Ausdruck für „hungern".