— 230 —
nicht einmal im Besitze einer Zeitung waren, dann seinen Anzeiger mit der Bemerkung: „Ich komme heute abend vor, dann können wir darüber sprechen!" Diese Besprechung war für uns immer sehr interessant, aber oft auch sehr schwierig. Es drehte sich damals meist um die Ein- geborencnbehandlung und die Ansiedelungsfrage, und wir mußten unsere ganze Redegewandtheit anwenden, um ihn von unserer guten Absicht zn überzeugen. Oft auch gelang uns dies nicht einmal, und er endete dann meist: „Ihr sagt es jetzt so, es kommt dann aber doch so und so."
Ein andermal sprachen wir über die Teuerung im Lande. Goliath klagte sehr über die hohen Preise. Wir trösteten ihn mit seinen schönen Pferden und großen Viehherden. „Ja," sagte er, „die habe ich wohl, aber ich werde übervorteilt (er zeigte dabei auf seinen granen Jackettanzug). In meinem Katalog von Jordan aus Berlin 16 Mark, und ich muß hier 60 Mark dafür bezahlen!" Wir sagten ihm, er habe sich wohl geirrt, das wäre sicher ein anderer Anzug. „Nein, nein," sagte er darauf, „es ist genan derselbe, er ist sogar abgebildet, Sie können ihn sehen, der Katalog liegt auf meinem Schreibtisch!" Auch Geschichtskenntnisse hatte Goliath. Als er einst auf einer Konservenbüchse „TilsiterKäse" las, sagte er: „Ist das das Tilsit, wo der Friede geschlossen wurde?"
Aber nicht nur Christian Goliath besaß Schulbildung, sondern die meisten eingeborenen Bersebas hatten Kenntnisse, die man hier nicht vermutet. So sah man Sonntags die meisten mit einem Gesangbuch zur Kirche ziehen, auch das Evangelium wurde meistens in der Bibel oder im Testament nachgelesen. In dem Schulraum der Mission befand sich eine stumme Wandkarte Europas, auf der sie viele Städte zeigen konnten.
Die besonders hohe Bildung der Bersebahottentotten verdanken diese den evangelischen Missionaren, die Berseba seit etwa 30 Jahren zu ihrer Gemeinde rechnen. Die schwere Arbeit, die sich diese Männer durch die Erziehung dieses wilden Volkes freiwillig aufgebürdet haben, wird belohnt durch diesen großen Erfolg.
von Brederlow.
„Bitte, nehmt mich mit!"
Ans den Erlebnissen eines braven Kanoniers.
Aus den reichen Kriegserlebnissen des Gefreiten Max Völker, der, aus dem Feldartillerie-Regiment Nr. S stammend, der 9. Batterie der Feldartillerie der SchntztruPPe angehörte und an den Kämpfen bei Gochas (5. Januar 1905), bei Aob (10. März 1905), bei Narudas (7. April 1905), bei Ganams (27. April 1905) und vielen anderen Gefechten teilnahm, dann auch am Fischfluß gegen Cornelius mitfocht, kann hier nur eine kurze Episode wiedergegeben werden:
„Nach Weihnacht 1905", so schreibt der brave Gefreite, „kam ich ins Lazarett in Kalkfontein. Nach zehn Tagen hörte ich, daß die Batterie wieder abmarschieren müßte. „Bitte, nehmt mich mit!" ließ ich meinem Hauptmann sagen. Ich wurde aus. dem Lazarett entlassen und, da ich noch zu schwach zum Reiten war, auf einem Wagen mitgenommen. So brachte ich bis Ende Februar zu, dann ging's wieder, und ich konnte in dein heißen Gefechte von Klcin-Pelladrift, am 11. März 1906, mitkämpfen. Wir schlugen den Feind trotz dessen tapferer Gegenwehr, mußten aber die Verfolgung aufgeben, da wir nichts mehr zu csseu hatten. Wir lebten schon etliche Tage nur von Eselsfleisch, das aber vorzüglich schmeckte. Kaum hatten wir wieder Proviant, da nahm uns die Verfolgung des aus Warmbad entflohenen Kapitäns Christian in Anspruch.
Woche auf Woche verging, ehe Nur in dem schwierigen und felsigen Gelände seine Spur fanden. Erst am 23. Mai 1906 stießen wir mit zwei Geschützen und zwei Kompagnien,