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Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika. Ein Reisebericht / mit Beiträgen v. Emin Pascha (d. i. Eduard Schnitzer), in seinem Auftr. geschildert v. Franz Stuhlmann. Im amtl. Auftr. d. Kolonial-Abth. des Auswärtigen Amtes hrsg. 2 Ktn v. R. Kiepert u. F. Stuhlmann, 2 Portr. u. 32 Vollbildern sowie 275 Textabb. nach Photogr. u. Skizzen des Verf. von W. Kuhnert u. a. T. 1.2 in 1 Bd
Entstehung
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XXII. KAPITEL.

Die A-lur.

Nach Beobachtungen in Wadeläi von Dr. Einin Pascha.*)

In der südwestlichen Gegend des oberen Nils wohnen die A-lür auf einem ziemlich beschränkten Gebiet, das von allen Seiten von anders sprechenden und anders gearteten Völkern eingeschlossen wird. Nach Norden, nur wenig über Wadeläi hinausreichend, dehnt sich ihr Land nach Süden bis Kahänama an dem Albert-See entlang aus; nach Westen sind ihre Grenzen nicht genau bekannt, und nach Osten bewohnen sie einen schmalen Streifen auf dem Ost-Ufer des oberen Nils. Ihre Nachbarn im Norden sind die Mädi, im Süden aus Osten eingewanderte Wanyoro und A-lendü, im Osten Mädi, Shüli und wohl auch einzelne Längo, **) die sich zwischen sie und die stammverwandten Sheffalü eingeschoben haben. Im Westen dürften jedenfalls A-lendü und vielleicht Kakuäk (Bari), ganz nach N.-W. hinauf vielleicht Kallikä, also wieder Mädi ihre Nachbarn sein. Die A-lür nennen ihr Land Lür oder Lüo, sich selbst A-lüo, ein Name, der merkwürdigerweise auch bei weit nördlicheren Stämmen ihrer Sprache vorgefunden wird und ver- muthlich der eigentliche alte Stammesname für diese Völkergruppe ist.

Fragt man die A-lür nach ihrer Herkunft, so erzählen sie, geradeso wie die verwandten Shüli, dass sie vor circa IOO Jahren von Norden her eingewandert seien. Diese Wanderer hätten die Breite von Dufilc überschritten (3 0 37' N), seien aber dann zum Stillstand gekommen und hätten sich nach längerem Aufenthalt in zwei Gruppen getheilt, von denen die eine den Fluss überschritten und sich nach S.-O. gewandt habe. Zu diesen Einwanderern seien dann andere desselben Stammes gestossen, die, gleichfalls von Norden her, auf dem Ost-Ufer des Flusses

*) Diese ethnographische Monographie wurde mir von Dr. Emin Pascha während unseres Aufenthaltes bei Kiro in die Feder diktirt. Er war bei seinem staunenswerthen Gedächtniss im Stande, über jede der zahllosen Völkerschaften seiner Provinz eine ähnlich ausführliche Arbeit ohne Hilfe früherer Aufzeichnungen zu machen, wenn er sich vorher einen bis zwei Tage darüber besonnen halte. Der Pascha erzählte mir, dass die von Jephson in seinem Buch (»Emin Pascha und die Meuterei in Aequatoria«, deutsche Ausg. pg. 116) gegebenen Schilderungen der Bari, diesem fast wörtlich vom Pascha in die Feder diktirt seien. **) Mit den Mässai verwandt.