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Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika. Ein Reisebericht / mit Beiträgen v. Emin Pascha (d. i. Eduard Schnitzer), in seinem Auftr. geschildert v. Franz Stuhlmann. Im amtl. Auftr. d. Kolonial-Abth. des Auswärtigen Amtes hrsg. 2 Ktn v. R. Kiepert u. F. Stuhlmann, 2 Portr. u. 32 Vollbildern sowie 275 Textabb. nach Photogr. u. Skizzen des Verf. von W. Kuhnert u. a. T. 1.2 in 1 Bd
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XX. KAPITEL.

Das Volk der Pygmäen.

In den Mythen des Alterthums, wie in den Märchen unserer Kindertage spielen Erzählungen von Zwergen und Riesen wichtige Rollen. Wir stellen uns meistens die Zwerge als Wesen von unnatürlich kleinem Wuchs und unproportio- nirtem Körper, mit übermässig grossem Kopf und langen Bärten vor. So er­scheinen sie in unserer Phantasie, so werden sie von den Künstlern dargestellt. Durch die Dichter und Geschichtsschreiber des Alterthums wird manche Wunder­sage von kleinen Menschen überliefert, die in fernen Ländern an den Quellen des altehrwürdigen Nilstromes ihr Wesen trieben. Homer spricht von den Pygmäen als von einem den Griechen längst bekannten Geschlecht. Herodot berichtet uns, dass die Nasamonier, nachdem sie durch die lybische Wüste gezogen, auf Pygmäen gestossen seien, die die Wanderer in Gefangenschaft geführt hätten. In der That scheinen die Nachrichten der Alten über dieses sonderbare Volk ziemlich positiver Natur gewesen zu sein, denn Aristoteles berichtet uns in seiner »historia animalium«: »die Kraniche ziehen bis an die Seen oberhalb Egyptens, woselbst der Nil entspringt. Dort herum wohnen die Pygmäen, und zwar ist das keine Fabel, sondern die reine Wahrheit«. Die nüchternen beiden letzten Schriftsteller schildern ihre Pygmäen nicht als fabelhafte Zwergwesen, sondern nur als Leute, die nicht einmal mittlere Körpergrösse erreichen und »von kleiner Art« sind.

Da in der That die im Innern des Continents wohnhaften sogenannten Zwerge diese Beschreibung von Herodot und Aristoteles rechtfertigen, so wollen wir nach dem Vorgang Schweinfurths diese Völker nicht als Zwerge, sondern als Pygmäen bezeichnen, da der ersterc Name leicht zu Missverständnissen Anlass geben kann; es ist also festzuhalten, dass wir uns unter ihnen nur Menschen unter normaler Grösse vorzustellen haben.

Die Geschichte der Erkundung und Erforschung der Nilquellen ist im Alter­thum schon eng mit den Berichten von dort wohnenden Pygmäenvölkern ver­bunden. An die Seen oberhalb Egyptens, aus denen der Nil entspringt, wurden die Wohnsitze der Zwerge verlegt. Er ist interessant zu verfolgen, wie die leidlich genauen Informationen, die das Alterthum über beide Fragen gehabt hat,