78
Erster Teil.
Die Verwüstungen, die diese Krankheit in einzelnen besonders verseuchten Gebieten angerichtet hat, lassen sich in einigen Fällen sogar statistisch abschätzen. In Uganda wurde im Jahre 1903 die Bevölkerung auf 3500000 Bewohner geschätzt. Dort ist die Schlafkrankheit durch Leute Emin Paschas eingeschleppt worden und hat dann in diesem Lande in grauenerregender Weise gewütet. Die Zählung von 1911 ergab infolgedessen eine Einwohnerzahl von nur 2843000. Nimmt man nun auch auch eine zu hohe Einschätzung für das zuerst angeführte Jahr an, so ist eine Überschätzung um ein volles Viertel der wirklich vorhandenen Bewohner in einem damals bereits sehr gut bekannten Lande von verhältnismäßig hoher Eigenkultur doch so gut wie ausgeschlossen. Man darf also ohne Übertreibung den Menschenverlust durch die Schlafkrankheit in der Zeit von weniger als acht Jahren auf einige Hunderttausend Eingeborne ansetzen. Die durch diesen afrikanischen Würgengel hingerafften Massen treten somit nur wenig hinter denen zurück, die in gleich kurzen Zeiträumen in der Zeit der Sklavenjagden in einzelnen Landschaften dem Menschenraube zum Opfer gefallen sind.
Eine ebenfalls sehr ernst zu nehmende Gefahr sind die venerischen Erkrankungen, zu deren Eindämmung bei der dem Afrikaner eigenen Sinnlichkeit die Erziehung nicht ausreicht, sondern gegen die der Kampf nicht ohne eingreifende staatliche und hygienische Maßnahmen geführt werden kann. Man unterschätze nicht, verführt durch falsche europäische Anschauungen, die von dieser Seite drohenden Nachteile für die natürliche Vermehrung der schwarzen Rasse.. Nachdem in Uganda die Schlafkrankheit eingedämmt war, wurde laut amtlicher Feststellung der erneute Zuwachs gerade durch die Folgen der Geschlechtskrankheiten erheblich beeinträchtigt.
Ein weiterer Schaden, die Säuglingssterblichkeit, muß ebenfalls durch besondere Maßnahmen bekämpft werden, wenn eine sichtbare und starke Volksvermehrung erreicht werden soll. Ich wiederhole, daß jede dieses Ziel anstrebende Maßregel einen unmittelbaren Wert für die erhoffte Hebung des wirtschaftlichen Lebens und damit für das Gewicht Afrikas im Welthandel und Weltverkehr hat. Auch diejenigen, die im Neger eine wesentlich für körperliche Arbeit geeignete Rasse erblicken, worin nebenbei gar keine Herabwürdigung des Schwarzen im rein menschlichen Sinne liegt, werden in der Schonung und Vermehrung der von Natur in dieser Rasse schlummernden Kräfte das beste Mittel erblicken, den Interessen der kolonisierenden Mächte zu dienen. Auf diesem Gebiete einer ins Afrikanische übersetzten Sozialpolitik treffen ihre Wünsche und Bestrebungen bis ins Einzelne mit denen der Heidenmission und der Vertreter reinen Menschentums zusammen.
Im letzten Kapitel wurden Arbeiten angedeutet, in denen der Vertreter rein geistiger Berufsklassen gegenüber den Afrikanern die gleichen Aufgaben harren wie derjenigen der praktischen, auf Gütererzeugung und Umtausch gerichteten Berufe. Es erscheint aber wünschenswert, zum Schlüsse auch der Fragen zu gedenken, deren Lösung im besonderen den Männern des praktischen Lebens vorbehalten ist. Auch der aus dieser Tätigkeit für Europa zu erwartende Gewinn mag in einigen Fällen, in denen er sich beurteilen läßt, dabei gestreift werden. Nur wollen wir zu diesem Zwecke den umgekehrten Weg beschreiten und mit der Bedeutung beginnen, die der Bevölkerung in rein wirtschaftsgeographischer Beziehung beige-
Die Aufgaben der Europäer in Afrika.
Schluß.
messen werden kann.