'ein halbverwittertes Mauerstück den Fuß einsamer Wanderer, welche diese Stätte altarabischer Aultur betreten. Stille Hirten weiden schlappohrige, gehörnte Schützlinge zwischen den spärlichen Resten glanzreicher Zeiten, zielen mit der lcmgrohrigen Begleiterin nach riesigen Geiern, die hoch oben im ewigblauen Äther ihre Areise ziehen. Da kracht der Schuß, und ein leichtbeschwingter Räuber der Lüfte sinkt flügelschlagend herab in die tote Maurenstadt, deren Umfang und Trümmerreste daran gemahnen, daß jeder Stillstand eben Rückgang bedeutet.
15. Marokkanisches Postwesen.
Der Rakkas. — Daucrlänfer unter erschwerenden Umständen. — Nachrichtenwesen im Sultanat. — Beliebtheit deutscher Mastanstalten. — Französische, englische und spanische Postämter. — Überfälle auf Postläufcr. — Deren Pflichttreue, — Ein vergessener Frack. — Psychologisches.
uf Marokkos Aarawancnstraßen begegnet man häufig einem gar sonderbaren Wanderer. Sein Aops ist mit dicken Tüchern umhüllt gegen allzu freundliche Strahlen der Sonne, barfuß, zurSeiteeinen irdenen Wasserkrug, den unvermeidlichen Aukkas in der Hand und die leichte Schkara aus Binsengeflecht am Rücken, so eilt er vorbei, die Begegnenden kaum eines Blickes würdigend. Es ist ein Rakkas, ein Postbote. Eigenartig genug nimmt er sich aus neben den würdigen uniformierten Amtsbrüdern des gesitteten Europa. Aber wenn diese schon über wohlausgebildete Beinmuskeln verfügen müssen und über gesunde Lungen, der marokkanische „Briefträger" genügt noch ganz anderen Anforderungen.
Der vielgeplagte Mensch durchläuft die Straße Fes- Tanger in drei Tagen, gute Maultiere benötigen zur selben Strecke sechs bis sieben Tage. Laufend nimmt er etwas Brot oder Feigen zu sich, weil er sich
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Abb. 89. Marokkanischer Rakkas.