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Jahrbuch der bremischen Sammlungen : Jahresberichte des Gewerbemuseums, des Kunstvereins, der Stadtbibliothek
Entstehung
Seite
78
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Otto Sildemeisters Gedickte

von L. Susemihl-Sildemeiftsr.

ko bekannt Otto (Zildemeister in ganz Deutschland durch seine Übersetzungen geworden ist, so viel gelesen während mancher ^jahre seine Cssavs waren, so wenig weiß man selbst in seiner Vaterstadt von seinen eigenen Dichtungen. Cr selbst legte ihnen mindere IZedeutung bei, weil er mehr als jeder andere davon durchdrungen war, daß sein Talent vor allem in der (Zabe des Nachempfindens wurzelte, und in einem sehr sensitiven Stilgefühl. Ihm war, wie er sehr gut wußte, eine gewisse Erfindungskraft versagt; er dichtete nur, wenn ihn irgend ein äußerer Einlaß nötigte, selten aus innerstem Herzensbedürfnis. So sind denn alle Poesien, die wir von ihm besitzen, im wahren Sinne des Wortes (Zelegenheitsgedichte, die ihre Bedeutung zum ^eil mit dem ^age einbüßten, für den sie bestimmt waren, und die für ein größeres Publikum heute, selbst mit weitläufigem Kommentar, ohne Interesse sein würden. Liest man diese Verse aber lediglich ihrer äußeren §orm wegen einmal wieder, so erstaunt man über die 5tnmut und (Zrazie, mit der unsere schwerfällige Sprache darin gemeistert ist und freut sich der Sicher­heit, mit der das Künstlichste Versmaß und die gewagtesten l^eime gehand­habt werden. (Dan meint, der vichter habe Zeit seines Lebens nichts anderes getan als I^eime geschmiedet. Ich, als seine Tochter, weiß aber aus dem Einblick in viele dieser Manuskripte, wie sorgsam er an solchen (Zelegenheitsgedichten gefeilt hat, wie oft er die Worte verbesserte, bis ihm der Ausdruck so Klang, als ob er nicht anders lauten dürfe. Lrst dann war er zufrieden, selbst wenn das (Zedicht auch nur für eine ihn wenig interessierende (Zelegenheit bestimmt war. Line große Anzahl dieser Verse bestehen aus sogenannten Kranzbindendichtungen. 5ür irgend einen guten 5reund, meist um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verfaßt, Kommen diese Kleinen Testspiele noch heute in vremen manchmal wieder ans Tages­licht und werden vor jungen vrautpaaren aufgeführt, die sich vielleicht