über ganz Deutschland, die Nordschweiz und das Elsass verteilt waren. Sie scheinen primär im Rheingebiet, jedoch auch in anderen Städten Mittel- und Süddeutschlands hergestellt worden zu sein. Dargestellt sind zumeist gut genährte Kleinkinder - als Kennzeichen des Kindes schlechthin. Häufig hält das Jesuskindfigür- chen bestimmte Attribute in den Händen: Die Weltkugel mit oder ohne Kreuz oder ein Apfel stehen für die von ihm beherrschte Welt, ein Vogel für die Seele. Auch in Bremen sind diese verschiedenen Varianten - wie mehrfach auch im norddeutschen Raum und den Niederlanden bekannt (z. B. Peine, Abb. 156, Graas, 125, Nr. 9-11) - geläufig.
Die kleinen Figürchen sind zum neuen Jahr, bei der Geburt eines Kindes oder anderen Ereignissen verschenkt worden. Einige spätgotische Graphiken, die den meist nackten sitzenden oder stehenden Jesusknaben zeigen, wie er Vögel oder die Weltkugel in Händen hält (Abb. 3), deuten darauf hin, dass einige der Figürchen ursprünglich als Neujahrsgaben dienten (Röbels, 136). Die Blätter weisen zusätzlich Spruchbänder auf, die Neujahrs- und Segenswünsche oder Sinnsprüche enthalten (Neu-Kock 1993, 24f.; Kunst um 1400). Die Geschenke fanden vermutlich Eingang in das private Hausaltärchen. Vielleicht können wir in den Christkindfigürchen sogar den Ursprung unserer Krippenfigürchen sehen (Spiegel, 364).
Der nackte Knabe mit Blütenkorb und der an seinem linken Bein herab gleitenden Blütengirlande ist nicht mit dem Jesuskind gleichzusetzen, sondern als eine Beifigur der Heiligen Dorothea, einer im Spätmittelalter sehr beliebten frühchristlichen Märtyrerin, zu deuten (Kat. Nr. 16).
Auffällig ist bei den Bremer Stücken, dass sie aus der Nähe des Weserufers kommen. Nur vereinzelt entstammen die Figürchen der Stadtgrabenverfüllung an der Adamspforte im Westen der Stadt. Der Fundort Teerhof oder Weserufer ist aber häufig mit den Schuttauffüllungen aus dem inneren Stadtgebiet zu erklären, mit denen das Ufer im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit angeschüttet wurde. Allein nur die sitzende Madonna (Kat. Nr. 1), die am Weserufer unmittelbar vor der Martini-
Christkind auf einem Kissen im Paradies- gärtlein sitzend. Neujahrswunsch mit Spruchbändern, vermutlich Ulm, um 1460-1475, Holzschnitt. Foto: Reinhard Hentze, Halle (Saale).
kirche gefunden wurde, mag in direktem Zusammenhang mit der Kirche stehen. Vielleicht war sie eine kleine Votivstatuette, die nach dem Zerbrechen einfach am nahen Flussufer entsorgt wurde. Bei den anderen Stücken handelt es sich wohl ausschließlich um kleine Figuren der privaten Andacht oder um ein Pilgerzeichen, das an die Kleidung oder den Hut angesteckt werden konnte. Die Figuren profanen Inhalts, wie die Reiter oder der Vogel stammen interessanterweise ausschließlich vom Teerhof, doch mag dies mit den umfangreichen Baumaßnahmen zu tun haben, die hier im 16. Jh. mit dem Bau der „Braut" einhergingen.
Anhänger und Andachtsbilder
Es sind auch weitere sakrale Gegenstände aus Pfeifenton vorhanden: Das medaillonartige Stück mit Kopfdarstellungen auf beiden Seiten mag als ein Anhänger an einem Rosenkranz oder einem Kleidungsstück angeheftet gewesen sein. Es besitzt eine Längendurchlochung, die nicht nur zur Herstellung, sondern auch zur Befestigung gedient haben mag. Zur iko- nografischen Bestimmung der beiden Darstellungen scheint es sich in einem Fall, in dem der Kreuznimbus hinter dem Haupt sichtbar ist, um eine „Vera Icon" bzw. um das Antlitz Christi zu handeln. Die Vera Icon gehört zu den bedeutendsten Christusbildern des Mittelalters. Sie wurde als das authentische Antlitz
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