Manfred Rech
Steinhaus, „Beinkeller" oder Krypta?
Im Frühjahr 1992 wurden vom Landesarchäologen in Zusammenarbeit mit dem Landesamt f. Denkmalpflege die Bauarbeiten an der Westwand der sog. Krypta unter der Kirche Unser Lieben Frauen baubegleitend betreut; der Raum ist in alter und neuer Zeit auch unter der Bezeichnung „Beinkeller" bekannt.
Das von der Kirchengemeinde mit finanzieller Unterstützung einer Stiftung in Gang gebrachte Bauvorhaben sah vor, daß vom Nordschiff aus über eine Treppenkonstruktion der Raum von Westen her für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Der Raum wirkt, nicht zuletzt wegen der seit den 70er Jahren freigelegten und konservierten Fresken des 15. Jh. (HOFFMANN 1989,182 ff.) recht repräsentativ. Bei einer Grundfläche von 11,98 x 10,90 m, also 130,58 m 2 , besitzt er vier tief ansetzende Kreuzgewölbe, die von einem quadratischen Mittelpfeiler aufgenommen werden (Abb. 1).
Schon 1979 muß in dem Raum ein 0,9 m tiefer Suchschnitt neben dem Wandpfeiler an der Nordseite angelegt worden sein, wie einer Bestandszeichnung des Kellers vom 18.5.1979 zu entnehmen ist (Abb. 2). Der Eingriff in den Boden damals erfolgte offenbar ohne Heranziehung des Landesarchäologen. Bei den Restau- rierungs- und Konservierungsarbeiten 1985 wurde dieser dann eingeschaltet, und Grabungstechniker B. Seidler konnte parallel zur westlichen Innenwand einen etwa 2 m breiten Graben anlegen, dessen Westprofil genau aufgenommen wurde. Danach befand sich unmittelbar unter dem letzten Fußboden — ein Zementestrich - ein Bodenbelag aus hochkant gestellten Backsteinen. Darunter, und ziemlich dicht bereits an der Basis der Seitenwände, wurde in Resten ein Belag aus Feldsteinen festgestellt, der aber auch noch nicht der ursprüngliche Fußboden des Kellers sein konnte, da sich darunter eine Verfüllung befand. Aus dem Profil ist weiterhin zu entnehmen, daß über die gesamte Breite Skeletteile manchmal in kompakten „Nestern", und mehr oder weniger stark mit Schutt vermischt, verfüllt waren. Im unteren Bereich waren diese Verfüllungen in den anstehenden Dünenboden eingegraben. In dem weitgehend aus 1979 übernommenen Aufmaß des Kellers ist der Suchgraben von 1985 einge-
1 Liebfrauenkir-
zeichnet (Abb. 2). Der heutige Fußboden aus che. Sog. Bein- Sandsteinplatten wurde in Höhe des Estrich- kel,er - Q esehen bodens von 1979 verlegt. Er befindet sich bei von Westen - -4,30 m Fußboden Kirchenschiff.
Da nun die archäologische Maßnahme von 1992 an der westlichen Außenwand des Kellers zur Vermutung führte, daß es sich bei dem Keller in der Primärverwendung überhaupt nicht um einen Sakralbau gehandelt haben könnte, was teilweise mit Unverständnis aufgenommen wurde, und inzwischen geführte Fachgespräche diese Vermutung eher bestärkt als vermindert haben, soll im Folgenden etwas dataillierter auf die angesprochene Problematik eingegangen werden.
Bei der baubegleitenden Maßnahme durch den Landesarchäologen ging es zunächst darum, den Aufbau der Bodenschichten im Nordschiff zu studieren bzw. Mauerreste, soweit vorhanden, aufzunehmen. Es zeigte sich jedoch, daß in dem zugänglichen Bereich des Nordschiffs (Abb. 9) der gewachsene Boden vollständig gerührt und mit zum Teil humosem Material aufgefüllt war. Außer zahlreichen verworfenen Skelettresten wurden nur zwei einigermaßen in situ liegende Gräber angetroffen (Abb. 3), die West-Ost ausgerichtet waren. Aber auch hier waren aufgrund früherer Erdarbeiten, vermutlich beim Einbau von Heizkanälen, die
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